Die Ordnung des Krieges

Autor_in: 
Antonio Negri

Iran, Irak, Nordkorea. Durch den Konflikt mit den „Schurkenstaaten“ werden Rollen und Hierarchien in der neuen Weltordnung definiert. Das ist das Spiel zwischen den Vereinigten Staaten, China, Europa und Russland.

Der imperiale Krieg ist auf Kurs, entwickelt sich und dehnt sich mit Kontinuität und innerer Kohärenz aus. Die amerikanische Initiative, die dabei den Motor konstituiert, verläuft gemäß den Konditionen, die von den anderen Herren der Welt gesetzt wurden. Die Vereinten Nationen sind dabei, ihre eigene Rolle in die des Senats des Empire zu transformieren. Der Krieg als globales Fundament der Legitimität und als herausragende Figur der Ausübung der imperialen Regierung zeigt sich also in allen seinen Formen und dehnt sich in dem Maße aus, wie sich imperiale Macht ausweitet. Die neue militärische Doktrin, die durch die amerikanische Administration am 20. September 2002 publik wurde, vervollständigt das strategische Muster, das die Bush-Gruppe im Moment ihres Aufstiegs an die Macht angekündigt hatte, also bereits vor der Zerstörung der Twin Towers: die unvergleichliche Behauptung militärischer Macht durch die USA, die konsequente Kündigung des Atomwaffensperrvertrages und die unilaterale Einfüh­rung des Raketenschutzschildes. Nach dem 11. September 2001 konstituierte die Afghanistan-Kampagne die erste Phase in diesem Krieg gegen den Terrorismus, der auf globaler Ebene Handlungen des nicht-konventionellen wie des konventionellen Krieges und Polizeiaktionen hoher und niedriger Intensität verbindet. Heute fasst die neue Militärdoktrin das Recht des Empire, gegen mögliche Feinde zu intervenieren, bevor sich die Bedrohung überhaupt konkretisiert, in Begriffe des gesunden Menschenverstandes und der elementaren Selbstverteidigung. Das ist die Theorie des Präventivkrieges.

Diese Theorie des Präventivkrieges ist nicht nur eine Militärdoktrin, sondern auch eine konstituierende Strategie des Empire. Das Dokument der amerikanischen Administration vom 20. September erklärt dies ausdrücklich: um die Freiheit und die Gerechtigkeit, die Demokratie und das Wirtschaftswachstum gegen Terroristen und Tyrannen zu verteidigen, ist der Präventivkrieg ein notwendiges und adäquates Mittel. Und fügt hinzu: Der Präventivkrieg wird zurzeit gegen drei „Schurkenstaaten“ in Betracht gezogen: Irak, Iran und Nordkorea. Für einige Sektoren der öffentlichen Meinung und die Diplomatie einiger Länder schien es so, dass die Verurteilung der „Achse des Bösen“, mit dem Nachspiel der übertriebenen unilateralen Erklärungen der Vertreter des Weißen Hauses und ihrer Jagdhunde, die Verbindung zwischen der Militärdoktrin und der konstituierenden Strategie des Empire suspendiert oder endgültig unterbrochen hätte. In Wirklichkeit handelte es sich nicht darum: Im Gegenteil stellten diese Erklärungen eher die „Tagesordnung“ dar, durch die sich eine wahre und eigene konstituierende Diskussion zwischen globalen Mächten eröffnet hat. Keine vernünftige Person hätte tatsächlich jemals denken können, dass Irak, Iran und Nordkorea die fundamentalen oder besser: präventiven Probleme für eine Macht wie die USA darstellen, die nach dem Sieg über den internationalen Kommunismus gerade als grenzenlose militärische Macht bestätigt werden. Heute muss die amerikanische Militärmacht, die absolut asymmetrisch ist, auch intransitiv werden, also absolute Supermacht bleiben – sowohl gegenüber den "Mächten des Bösen" als auch gegenüber den anderen Weltmächten: Die Achse des Bösen ist eine Metapher für die großen Probleme, die sich der monarchischen Macht der Vereinigten Staaten von Amerika am Ende des kalten Krieges auf drei strategischen Gebieten stellen. In Wirklichkeit sind es Europa, Russland und China, die die problematischen Pole der neuen Weltordnung darstellen. Heute ist der Irak der darauffolgende Indikator des europäischen Problems (und untergeordnet des japanischen), dargestellt über das Profil der Energieversorgung: Ohne Garantie in dieser Frage existiert die europäische Wirtschaft nicht, und wer die Energieversorgung kontrolliert, hat die Hände am inneren Kreis der biopolitischen Machtfunktionen im alten Kontinent. Was den Iran betrifft (das heißt, das Gebiet um das Kaspische Meer), so stellt er die verletzliche Flanke der russischen Entwicklung dar. Nordkorea sodann ist in der Mitte des Chinesischen Meers. Wie organisiert sich das Empire in diesen drei fundamentalen Zonen, welches ist seine im Werden begriffene materielle Verfasstheit heute, in Gegenwart der amerikanischen militärischen Supermacht? Wie lässt sich die militärische Überlegenheit der monarchischen Macht in der neuen Weltordnung präventiv garantieren?

Man weiß, dass im Empire die Ausübung der alleinigen militärischen Macht (besser: der alleinigen monarchischen Funktion) weit davon entfernt ist, ausreichend zu sein, um Zentralität und Stabilität in der Ausübung der globalen Macht zu garantieren. Darüber hinaus hat besonders der 11. September 2001 gezeigt (und mit welch schrecklicher Klarheit!), dass die Vereinigten Staaten keine Insel sind, in keiner Hinsicht. Die folgende ökonomische Krise – nicht nur hinsichtlich ihrer produktiven, sondern vor allem hinsichtlich ihrer finanziellen und monetären Aspekte – hat deutlich gezeigt, dass die Monarchie im Empire nicht leben kann, wenn sie sich nicht in Übereinstimmung mit der globalen Aristokratie befindet. Der sich ausbreitende Krieg birgt also in seinem Inneren die Diskussion um die imperiale Verfasstheit, und im Besonderen, was Europa betrifft, die Dimensionen und Rollen der europäischen Aristokratien in dieser. Chirac und Schröder sind weder Pazifisten noch Kriegstreiber: sie verhandeln mit Bush über die Stellung des europäischen Kapitalismus in der imperialen Verfasstheit. Die großen Entscheidungen werden nicht über den Krieg gegen den Terrorismus oder den konventionellen Krieg gegen die Tyrannen getroffen, sondern über die Formen der Hegemonie und die entsprechenden Machtränge, die die amerikanischen und/oder europäischen kapitalistischen Eliten in der Organisation der neuen Weltordnung haben werden. Die präventiven Entscheidungen betreffen nicht nur den Krieg, sondern vor allem die Vorherrschaft über die Märkte und über die Subregionen der imperialen Organisation.
Wie lässt sich vom Standpunkt der Multitude auf diese Situation reagieren? Wie können sich die Kraft der und der Wunsch nach Demokratie diesem imperialen Spiel, das totalitär und kriegerisch geworden ist, widersetzen? Wie lässt sich der Krieg verhindern und wie auch immer gegen ihn kämpfen, wie auf diese Weise auf globaler Ebene für die wahre Demokratie, die der Multitude, streiten?

Zwei mögliche Hinweise, bis hierhin. Der erste ist die Wahl des Kampfgebietes. Dieses ist ab sofort das globale. Es ist unmöglich gegen die Verfasstheit des Empire zu kämpfen, wenn man sich nicht auf globaler Ebene bewegt. Die imperiale Macht dehnt sich über die Globalität der Beziehungen zwischen Nationalstaaten und regionalen Systemen der kapitalistischen Macht aus: Diese Subjekte sind, auf mehr oder weniger widersprüchliche, aber letztendlich immer kohärente und übereinstimmende Weise Teil des Systems kapitalistischer Ausbeutung. Heute ist Widerstand gegen den imperialen Krieg nur möglich, wenn er die nationalen und regionalen Engpässe überschreitet, also nur auf dem globalen Feld der Netzwerke des Widerstands. Die Nationalismen, auch und vor allem die der Linken (häufig insbesondere in ehemals koloniali­sierten oder stark abhängigen Ländern, wie in Lateinamerika), stellen eine große Gefahr dar, indem sie die Illusion erwecken, dass die imperiale Herrschaft, die auf kapitalistischer Ausbeutung basiert, heute auf nationalstaatlicher Ebene beeinflusst oder auch bekämpft werden könnte. Tatsächlich wird jede Kraft, die auf globaler Ebene agiert, nur dann wirksam sein, wenn sie auf postmoderne Art transversal und überall agiert.
Einmal erfahren, dass nur ein globales Feld ein adäquates Terrain des Kampfes und der Organisation darstellt, sind wir so weit, eine zweite Handlungslinie festzumachen: die antikapitalistische. Auf diesem Gebiet ist es die Sozialdemokratie, die sich als Hindernis und als Mystifikation präsentiert, der es Widerstand zu leisten gilt. Aber der Widerstand muss gemeinsam in den Exodus gehen, also zu der Fähigkeit, nicht an der neuen imperialen Verfasstheit teilzunehmen (als unterworfene Bevölkerungen oder korporatistische Masse), sondern ­der globalen Verfasstheit des Kapitals die Demokratie der Multitude entgegenzustellen (die auf dem Überschuss der intellektuellen Produktion und Ethik des Proletariats basiert). Der globalen Verfasstheit, die auf dem Präventivkrieg gründet. Aber was ist die Demokratie der Multitude? Was ist die Kraft der neuen organisierten Subjektivität? Was ist „der Rat mit Computer“ unser neuen produktiven Generationen?

 

Dieser von uns geringfügig gekürzte Text erschien zuerst in der Nullnummer der Zeitschrift Global Magazine vom November 2002, www.globalmagazine.org.
Aus dem Italienischen von Verena Vogel.

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