Die Angst vor der neuen Barbarei

Autor_in: 
Neelke Wagner

Obwohl die linke Kritik am Islamismus zahl- und wortreich stattfindet, dringt sie nicht zum Kern vor: den uneingestandenen Ängsten vor der eigenen Aggression

Die Beobachtungen von Sasha Tomasz zur sich ausbreitenden Islamophobie können zu der Frage fortgeführt werden, warum auch eher link(sliberal)e Medien von ihr alles andere als frei sind. Gemeinsam mit einem anderen religiösen Fanatiker, dem US-amerikanischen Evangelikalen, gehört der „Islamist“ zu den beliebtesten Stereotypen auch link(sliberal)er Medien und WissenschaftlerInnen.

Die Islamophobie lebt vor alle­m durch ihre enge Verbindung zum Pro­blem des Terrorismus: „Islamischer Fundamentalismus“ und „internationa­ler islamistischer Terrorismus“ seien die größte Gefahr für „unsere“ Sicherheit und „Herausforderungen“ unserer demokratischen wie militärischen Wehrhaftigkeit. Das erzeugt Angst: Wenn es zu offen antiislamischen Kundgebungen wie jüngst in Berlin-Heinersdorf kommt, wo Hunderte „besorgter Bürger“ eine Informationsveranstaltung zu einem geplanten Moscheebau gar nicht erst stattfinden ließen (die Beteiligten mussten das Gebäude unter Polizeischutz durch die Hintertür verlassen), wird dies auch von seriöseren Medien wie der rbb-Abendschau mit den „Ängsten“ der Bevölkerung begründet, bei der bauwilligen Gemeinde könne es sich um eine fundamentalistische Gruppierung handeln. Im Falle Heinersdorf seien die Befürchtungen jedoch vom Verfassungsschutz zerstreut worden: Diese Gemeinde sei „unbedenk­lich“ und dem „toleranten Islam“ verpflich­tet.

Feindbild „Islamist”

Anders gesagt: Der „Islamist“ wird als Feind identifiziert, vor dem mensch Angst haben muss, und in link(sliberal)en Kreisen selbstverständlich unterschieden vom „toleranten und weltoffenen“ Moslem. Zudem ist er ausschließlich männlich und tendentiell der Frauenunterdrückung, immer des Frauenhasses verdächtig (mensch erinnere sich an die aufschlussreichen Feuilletons zum Thema „Sexualphobie des Mohammed Atta”). Dabei existieren verschiedene Stereotype des „Islamisten”: Der erste, der auch aus Sicht der rbb-Abendschau eine Anti-Moschee-Kundgebung gerechtfertigt hätte, ist der „islamische Extremist”, der in düsteren Hinterhofmoscheen versucht, arglosen Jugendlichen den religiösen Hass auf „uns“ und unseren Lebensstil einzupflanzen und sie so zu Killermaschinen zu formen. Diese sind das zweite Exemplar, durchgedrehte „Terroristen”, die aufgrund ihres religiösen Wahnes weder Tod noch Teufel fürchten und sich deshalb in vollbesetzten U-Bahnen in die Luft sprengen. Dritter im Bunde ist der unauffällige, weil perfekt integrierte „Schläfer”, der verborgen und unerkannt, als netter Student von nebenan getarnt, international vernetzt an unser aller Verderben arbeitet. Diese drei „Feinde im Innern“ stehen mit den „äußeren Feinden”, den internationalen „Terrornetzwerken“ und den „Terrorstaaten“ in Verbindung. Dort lassen sie sich in „fundamentali­stischen Koranschulen“ und „Terrorcamps“ ausbilden oder stellen sich in ein bedingungsloses Gehorsamsverhältnis zu berüchtigten „Terroristenführern”. Was sie gemeinsam haben ist ihre Unkontrollierbarkeit und ihre Unversöhnlichkeit mit den westlichen Gesellschaften: Hier ist nach gängiger Interpretation durch alle Lager ein absoluter Feind entstanden.

Diese Bilder werden durchaus von Linken wie Liberalen kritisiert, zumindest dort, wo ihr politischer Nutzen offensicht­lich ist, wo die bedrohte Bevölkerung alle verfügbaren Verteidigungsmechanismen mobilisieren und sich unter die Fittiche „ihres“ Staates stellen soll. Dazu funktioniert das Feindbild „Islamismus“ ähnlich wie Rassismus: Es schafft klare Abgrenzungsverhältnisse zwischen „uns“ und „den Muslimen”, die gleichzeitig auf rassistischen, kulturellen und religiösen Vorurteilen aufbauen können. Das hilft auch bei der Vergemeinschaftung trotz zuneh­mender sozialer Spaltungen, wie es rassi­stischem Gedankengut schon immer zu­ge­schrieben wurde. Der „Krieg gegen den Terrorismus”, so die Kritik von links, wird damit auf einen Kampf „Gut gegen Böse“ reduziert, in dem wie von Zauberhand der Staat und seine „Sicherheitskräfte“ auf der guten Seite stehen – ob sie nun abschieben, überwachen oder Kriege führen. Damit werden die viel zitierten „Ängste der Bürger”, die die politische Elite ernst neh­men, berücksichtigen, zerstreuen will, von der in Wirklichkeit bedrohliche­n Staatsmacht abgelenkt, welche, wie wir alle wissen, Grundrechte einschränken und Waffen kaufen will. Kritisiert wird die Umdeutung des Sicherheitsstaates zu ei­ner notwendigen „wehrhaften“ Reaktion auf die Aggression von außen, welche über ein friedliches Volk und seinen friedliebenden Staat herein- oder durch die verantwortungslose multikulturelle Vermischung in seiner Mitte hervor bricht.

Wessen Feindbild?

Die Meisten werden bis hierher ungefähr das gelesen haben, was sie von einer anständigen linken Zeitung erwarten. Feindbilder wie die Islamophobie kennen wir als typisches Phänomen neurechter Politik, die Mö­glich­keiten ihres Missbrauchs durch bür­gerliche PolitikerInnen ebenso. Wir sind uns also einig. Damit sind wir erst am Anfang des Problems angekommen: Was sagt eine solche Einigkeit über unsere Feind­bild­konstruktionen aus? Woher nehmen wir die selbstverständliche Dis­tanz zu „denen dort”, Islamisten wie Islamo­phoben? Offensichtlich zeichnen sich die link(sliberal)en Medien durch ein noch größeres Abgrenzungsbedürfnis aus. Sie nutzen nicht nur islamophobe Stereo­type wie die Frauendiskriminierung und den religiösen Fanatismus, sondern vereinen diese mit dem tumben US-amerikanischen Kreuzzügler und seinen europäischen Mitläufern zum Feindbild des ungebildeten Barbaren.

Die auffälligsten Merkmale link(sliberal)er Stereotype, auf denen ihre Feindbilder beruhen, sind Antiintellektualismus, eine rigide Sexualmoral und individuelle Dummheit bzw. ein Mangel an Bildung. Das holzschnittartige, vormoderne Weltbild der „Islamisten“ und „christlichen Rechten“ müsste durch bessere Information und Aufklärung, geleistet durch die link(sliberal)e Fachpresse, widerlegt und durch ein tolerantes und aufgeklärtes Weltbild verdrängt werden. Wie in den Neunzigern angesichts des Rechtsextremismus verkünden sie wieder die Zauberformel Bildung = Vernunft = friedliches Miteinander und setzen den „Kampf der Kulturen“ mit Kulturlosigkeit und Barbarei seiner Protagonisten gleich. Die Geschichte dieses Kampfes erzählen sie damit genauso – nur jetzt als Kampf der Verblendeten unter sich.

Besonders in Bezug auf die öffentliche Debatte in den USA wird von europäi­scher Seite gerne und genüsslich auf das Aufeinandertreffen zweier archaischer (religiöser) Feindbilder verwiesen. Die USA als antiintellektuelle „stupid white men“ werden auf diese Weise von Europa, dem fast voll­endeten Vernunftprojekt abge­trennt. Der „Kampf der Kulturen“ wird als Prototyp des US-amerikanischen wie des antimodernen arabischen Denkens verkauft, begleitet von sorgenvollen Berichten über die evangelikale Rechte in den USA, religiöse Homophobie, das inexistente Bildungssystem in Pakistan oder die Perspektivlosigkeit von musli­mischen Einwandererkindern. Dabei werden die Feindbilder der Anderen als eine Art gei­stige Mangelerscheinung beschrieben: Aus einem Mangel an Bildung entstehe ein Mangel an Zukunftschancen, welcher zu einem Mangel an Selbstbewusstsein und an persönlichen Lebensperspektiven führe. Diese prekäre psychische Lage äußere sich in Modernisierungs-/ Globalisierungsangst und erhöhter Aggressivität, lasse die Betroffenen nach religiösem Halt suchen und erzeuge schließlich das manichäische Weltbild, welches die islamischen Gotteskrieger und die US-amerikanischen Hardliner gegeneinander in den Krieg treibt. Feindbilder und die aus ihnen erwachsenden Gewaltakte werden als eine Krankheit der Unbildung und Unzivilisiertheit beschrieben.

Wie kommt es dann aber, dass die Aufklärung über die oben beschriebenen Zusammenhänge nicht dazu führt, dass die Stereotypen und Bedrohungsszenarien aufhören zu wirken? Das ist die kapitulie­rende Frage jeder Ideologiekritik, die hoffte, dass durch die Entlarvung der Verblen­dungs­zusammenhänge sich diese auflösen würden. Das kann deswegen nicht funktionieren, weil die ideologische Disposition viel tiefer liegt – und ihre Existenz dadurch beweist, dass immer die Erklärungen am plausibelsten scheinen, welche sie selbst nicht angreifen.

Die Angst vor sich selbst als Ursache der Angst vor dem Anderen

Zuerst ist wichtig festzuhalten, dass die These der Kulturlosigkeit ebenfalls Angst erzeugt. Wir sind erschrocken und bestürzt angesichts der einbetonierten Ein­heits­meinung in den US-amerikanischen Massenmedien, der Grausamkeit irakischer Enthauptungsvideos und der sinnlosen Gewalt französischer Vorstadtjugendlicher. Das bloße Demaskieren der Ressentiments der Anderen, die als ursächlich für Gewalt­ausbrüche angesehen werden, wird natürlich nicht die Welt retten. Feindbilder entstehen nicht, weil die Leute unreflektiertes blödes Zeug glauben. Sie sind ein psychologisches Phänomen, welches mit Identitätsbildung in engem Zusammenhang steht. Damit meine ich nicht den Allgemeinplatz, dass ein definiertes Gemeinwesen ja immer ein „Außen“ brauche, von dem es sich abgrenzt. Das Abgrenzungsbedürfnis entsteht nicht, weil wir jemanden treffen, der oder die anders ist – sonst gäbe es in Kreuzberg viel mehr RassistInnen als in Hellersdorf. Die Abgrenzung geschieht von einem Teil von uns selbst, den wir aus moralischen oder kulturellen Gründen für unerträglich halten.

Das Selbstbild einer auf- und abgeklärten, toleranten, entwickelten und nicht-aggressiven Persönlichkeit hat Risse. Wir grenzen uns nie von einem realen Anderen ab, sondern von einem Imaginären – einem dummen, gewalttätigen, unfähigen, asozialen Anderen, das wir selbst nicht sein wollen. Dieser Wille ist durchaus sozial geprägt und produziert deshalb auch kollektive Feindbilder. Die Angst, die sich in Feindbildern manifestiert, ist also kei­ne Angst vor dem Anderen, sondern vor uns selbst. Aus diesem Grunde wird das Klischee des dummen und gewalttätigen Terroristen bzw. US-Soldaten so dankbar reproduziert. Das Einzige, wogegen sich die linke Hälfte der Medienlandschaft wehr­t, ist die rassistische Untermauerung – sie präferiert eine Abgrenzungsform, welche die eigene Geistes- und Kulturleistung in den Vordergrund stellt und so die Intelligenz gegen das dumpfe Ressentiment mobili­siert. Sexismus und Gewalt werden in der eigenen Gesellschaft durchaus gesehen – nur eben in „bestimmten Milieus”. Damit  wird die eigene Unfähigkeit, den Zustand der Welt wirklich zu durchschauen und die gefühlte Hilflosigkeit angesichts der Eskalationen von Gewalt zementiert. Die eigene Aggressivität und Destruktivität werden auf die „Kriegstreibenden“ projiziert, die exemplarisch im Irak diese Zu­sammenhänge vorführen.

Die verdrängte europäische Aggression

Diese Haltung des friedlich-passiven europäischen Intellektuellen steht in krassem Widerspruch zu Europas tatsächlicher Rolle in der Welt. Dass selbst die europäischen Staaten, die nicht direkt in den Irakkrieg verwickelt sind, sich auf vielfältige Weise am „Krieg gegen den Terror“ beteiligen, wird dabei zur Nebensache. Zumindest sehen die link(sliberal)en Medien es nicht als ihre vordringliche Aufgabe an, die Aggressivität des eigenen Lebensstils zu thematisieren. Zwar wird „unsere“ unrühmliche Kreuzzugs- und Kolonialismusver­gangenheit und dann und wann auch „unsere“ Verantwortung für das afrikanische „Elend“ angesprochen. Dies bezieht sich aber auf die Vergangenheit und nicht auf die zahlreichen aktuellen europäischen Aktivitäten in der Welt, die kriegerisch, kriegerische Konflikte billigend oder schürend europäische wirtschafts- und bevölkerungspolitische Interessen durchsetzen. Über den andauernden Afghanistaneinsatz wird ebenso wenig berichtet wie über die technische Unterstützung der US-Truppen im Irak. Auch die zunehmenden inneren Konflikte, Armut und Ausgrenzung, werden immer dann ausgeblendet, wenn es darum geht, Europa vor dem Rest der Welt zu verteidigen. In den deutschen Medien überwiegt das Bild von einem unschuldigen, weil geläuterten Europa, welches sich rein reaktiv gegen die Zumutungen der unzivilisierten Welt behaupten muss. Gerade die eigenen Unschuldsbeteuerungen schüren jedoch die Angst und dämpfen den Ruf nach einer anderen, friedlichen Außenpolitik. Die eigene Gewalttätigkeit wird ein zweites Mal verdrängt. Indem jedes eigene Fehlverhalten ausgeschlossen wird, kann man seinem Schicksal auch nicht mehr anders entgegentreten als mit Präventivschlägen gegen das unerklärliche barbarische Böse dort draußen – sei es durch Bundeswehreinsätze „im Innern“ und “am Hindukusch”, sei es durch Raster­fahndungen und verstärkte Repressionen gegenüber muslimischen ImmigrantInnen und Einbürgerungswilligen.

Damit gehört die Geschichte der para­noiden Aggressoren, die sich gegenseitig fertig machen, ebenso in die Familie der Feindbilder. Die Verteidigung der eige­nen Identität gegen diejenigen menschlichen Regungen, die sie ausschliesst – Aggression und Irrationalität - führt zu ei­ner Abgrenzung gegen die als minderwertig und gefährlich eingestufte Gruppe der Ungebildeten. Die Einsicht, dass man selber gefährliche und ideologische Ansichten verfolgen könnte oder seinen Lebensstil durch ein gewalttätiges Gesellschaftssystem absichert, kann nicht zugelassen werden – als um so blutrünstiger, verbohrter und tyrannischer werden Evangelikale und Taliban empfunden. Die Angst vor dem, was das eigene Handeln anrichtet, wird zur Angst vor der Unkultiviertheit und Gewalttätigkeit der Anderen.

Feindbilder zu haben ist also kein neurech­tes Privileg, sondern Begleiterscheinung jeder exklusiven Identität, die ihre Brüche verdrängt. Feindbilder konzentrieren Ängste. Dies sind sowohl Ängste vor rea­len Verlusten etwa des Lebens oder des Lebensstandards, als auch Ängste vor dem Verlust des positiven Selbstbildes, der eigenen Identität überhaupt. Der vielzitier­te Ausruf einer US-Amerikanerin ange­sichts des fehlenden World Trade Centers: „Oh God, why do they hate us so much?“ wird überall dort geschrien, wo Menschen sich bedroht fühlen, weil der eigene Gesellschaftsentwurf nicht (mehr) funktioniert, und sie dieses Problem auf die bösen Anderen verlagern.

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