Die Angst der Bundeskanzlerin vorm Torwandschießen

 
Autor_in: 
Matthias Jaenicke

Deutsche Politiker lieben es, auf Torwände zu schießen. Auch Bundeskanzler machten da bisher keine Ausnahme. Schließlich demonstriert kaum etwas mehr „Volksnähe“ als ein strammer Spannschuß auf die Sperrholzplatte mit zwei Löchern und der simplen Rummelplatzdramaturgie. Meistens gaben die obersten „Volksvertreter“ bei diesen Auftritten allerdings eine wenig glückliche Figur ab. Von Altkanzler Kohl etwa ist so manches Foto beim Torwandschießen überliefert, auf dem seine Zunge unbeholfen im Mundwinkel klemmt. Bekam Kohls massige Physiognomie so etwas geradezu anrührend kindliches, wirkte sein Nachfolger Schröder stets wie ein gegen den Ball tretender Urmensch. Die Gestalt gedrungen, den Kopf zwischen den von der schusssicheren Weste gewaltig aufgeplusterten Schultern vergraben, der Mund im Moment des Schusses zu einem »uuuh« geformt. Alles egal. Was zählte war allein die Botschaft und die lautete schlicht: »Liebt mich, ich bin einer von euch!«
Angela Merkel wird sich wohl niemals an einer Torwand versuchen. Fußball ist ihr gelinde gesagt - fremd. Genau hier fängt ihr Problem an. Schließlich ist Weltmeisterschaft und das männliche Fußball-Deutschland will repräsentiert werden. Trotzdem würde sie wahrscheinlich selbst nur zu gerne auch etwas von dem Glanz des internationalen Großevents auf sich fallen sehen. Aber während sich ihre Vorgänger der Lächerlichkeit preisgaben und trotzdem noch punkteten, wird sie misstrauisch beäugt. Wenn Politiker mit Fußball nichts verkehrt machen können, dann gilt für die Politikerin Angela Merkel, dass sie mit Fußball potenziell so ziemlich alles verkehrt machen kann.
So gesehen schlägt sich die Bundeskanzlerin eigentlich bisher ganz wacker. Gibt ironische Kommentare ab. Erklärt Johan Cruyff zum Idol ihrer Jugend. Durchkreuzt routiniert fiese Verbalattacken, die aus dem tiefsten Raum der Klischees zu Frauen und Fußball kommen (in der Art von: »Frau Merkel, kennen sie eigentlich Carmen Thomas?« »Erklären Sie uns bitte die Abseitsregel«). Ein größerer Fauxpas ist ihr aber doch schon unterlaufen. Als Lieblingsvereine gab sie ausgerechnet Hansa Rostock und den FC Bayern München an. Da rollt der Sachverständige mit den Augen. Dem Schröder hat es noch kaum jemand übel genommen, dass er sich als leidenschaftlicher Anhänger von gleich drei Vereinen ausgab.
Das alles ist höchst unfair, eben unsere immer noch patriarchal strukturierte Gegenwart. Was Frau Merkel für die Zeit bis nach der WM helfen könnte, wäre ein Fußballminister, eine Art klassische Sieben, die ihr in allen fußballerischen Belangen den Rücken freihält. Der ideale Kandidat steht auch schon bereit: Edmund Stoiber. Der ist der geborene Adjutant, verbeißt sich in seine Gegner wie Gennaro Gattusso, und hat obendrein natürlich beste Verbindung zur mächtigen bayerischen Fußball-Lobby. Vor allem könnte ein Fußballminister Stoiber mit seinen zwischen-menschlichen Fähigkeiten der Bundeskanzlerin den von ihr sicher schon gefürchteten obligatorischen Gang in die Kabine der deutschen Nationalmannschaft abnehmen. Nur auf eine Torwand sollte Angela Merkel Edmund Stoiber dann doch nicht schießen lassen. Schließlich räumte der einmal mit einem vollkommen missglückten Versuch einer nichtsahnenden Zuschauerin die Brille aus dem Gesicht.

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