Der Fußballgott – ein Mann oder eine Frau?

 
Autor_in: 
Julia Bretthauer

Frauen und Fußball: das Normalste der Welt oder eine Gleichung mit zwei Unbekannten? Dieser Frage geht das Buch „gender kicks. Texte zu Fußball und Geschlecht“ nach. ‚Gender’ bezieht sich in dieser Publikation auf die dargestellte Männlichkeit auf dem Platz oder im Stadion sowie auf den Ausschluss von Homosexualität. Weiterhin rekurriert es auf die Rolle von Frauen in der „Männerdomäne“ Fußball und die vielfältigen Sexismen. Wie z.B. sehen die verschiedene Positionen im Fußball aus, die von Frauen besetzt werden – sei es als Trainerin, Fan, Spielerin oder Hooligan?
Weibliche Fans werden sich nur allzu häufig in Beiträgen wieder erkennen. Besonders lesenswert ist der Artikel von Almut Sülzle. Dieser stellt heraus, dass Frauen sich u.a. ins Stadion begeben, weil sie im Fußball einen Ort gefunden haben, an dem sie nicht ständig damit konfrontiert werden, sich „wie ein richtiges Mädchen“ zu benehmen. Attribute, die sonst Männern zugeschrieben werden, sind hier beiden erlaubt: man(n) und frau schimpfen, brüllen und pöbeln gemeinsam. Das Stadion fungiert somit einerseits als Raum, in dem man nicht vorrangig über das Geschlecht definiert wird. Andererseits ist der hierfür zu zahlende Preis die Verharmlosung des Sexismus. Wie geht frau/man(n) mit dieser im Stadion anzutreffenden Frauenfeindlichkeit und auch Homophobie um? Probiert man, sich diese Frage ehrlich zu beantworten, so muss man sich eingestehen, dass man sie meist ignoriert, höchstens kopfschüttelnd und murmelnd kommentiert. Soll man dramatisieren oder verharmlosen? Hierbei stellt sich wiederum die Frage: wird der Ausschluss durch Sexismus erst dann wirksam, wenn man sich gegen ihn stellt? Und um noch weiterzugehen: Nutzt man nicht selbst die Ausschlussmechanismen, um sich dazu gehörig zu fühlen? Denn war man nicht selbst intolerant gegenüber den Fragezeichen-Gesichtern der mitgebrachten Freundinnen? Verspürte man nicht selbst eine Abneigung gegenüber den Frauen, die ja ach so gerne zum Fußball gehen und sich dann wundern, dass 22 Mann auf dem Platz stehen?
So sehr frau es vielleicht auch genießt, sich von den zugeschriebenen weiblichen Eigenschaften im Stadion lösen zu können, so ernüchternd sind die meist männlichen Reaktionen. Frauen singen laut im Stadion „You’ll never walk alone“. Gleichwertige und eben­bürtige Gesprächspartner sind sie aber erst, wenn der Nachbar merkt, dass sie Fußball und das alt zitierte Abseits (gähn) verstehen und die Spieler kennen! Gibt es also einen Weg gegen Sexismus im Stadion – für  Fußball, Fankult und Stadionatmosphäre? Das Buch „gender kicks“ beantwortet diese Frage nicht endgültig, eröffnet aber Perspektiven und Handlungsmöglichkeiten z.B. durch das Vorstellen von Fanprojekten.
Manche Langatmigkeit der Artikel wird durch Anschaulichkeit und Hinterfragen an anderer Stelle wieder aufgehoben. Daher ist „gender kicks“ lesenswert für alle, die jemals mitgelitten, mitgejubelt, mitgehofft und mitgezweifelt haben und empfehlenswert für alle Männer und Frauen, die ihre Fußballleidenschaft nicht nur im Herzen, sondern auch im Kopf tragen!


_____________________________________________Buchcover

gender kicks. Texte zu Fußball und Geschlecht. Antje Hagel, Nicole Selmer, Almut Sülzle (Hrsg.), Koordinationsstelle Fan-Projekte (KOS) bei der Deutschen Sportjugend Franfurt a. Main 2005. EUR 10,00

 

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