In den Spiegel schauen fällt schwer

Autor_in: 
Miriam Seemann

Dort, wo Lucia an der belebten Strasse steht und auf Kunden wartet, ist es zugig. Sie ist 32 Jahre alt und gehört zu den etwa 2.000 Prostituierten, die im Stadtteil La Merced in Mexikos Hauptstadt arbeiten. Ihre langen schwarzen Haare trägt sie streng gekämmt und ihr blaues T-Shirt in die engen Jeans gesteckt. Sie ist gekleidet wie eine durchschnittliche Frau, die zum Einkaufen geht.

Zwei bis drei Meter entfernt steht ihre Lebensgefährtin Marianna. Bei ihr findet sie die Zärtlichkeit, die sie von Männern nie bekommen hat. Oft lösen Marianna und Lucia einander mit der Arbeit ab, passen abwechselnd auf Lucias fünfjährigen Sohn auf. Der Vater ist ein ehemaliger Kunde. Genau wie bei ihren zwei anderen Kindern, die sie bei Pflegeeltern untergebracht hat.
In regelmäßigen Abständen fahren Autos langsam an den Frauen vorbei. Nur wenige halten an. Nach einer kurzen Absprache geht Lucia mit einem Kunden in ein unscheinbares Hotel auf der anderen Straßenseite.

„Den ganzen Tag an der Ecke stehen, bis dir die Füße wehtun, Beleidigungen, Witze und Beschimpfungen von vorbeilaufenden Passanten aushalten, abends nach Hause gehen, ohne einen einzigen Kunden gehabt zu haben, dich mit Schrecklichkeiten konfrontieren, die sich im dunklen Zimmer, an der Seite eines Fremden verstecken – das ist leicht.“ Lucia macht eine Pause und redet leise weiter. „Das Schwierige ist, sich im Spiegel anschauen und der Realität stellen. Sehen, wie die Hoffnungen, die Träume und die Würde verschwinden. Wissen, dass am Ende des Weges nur Einsamkeit und Ausgestoßensein auf dich warten – das ist schwierig!“

Lucias Arbeitsstätte ist einer der sozial schwierigsten und gefährlichsten Bezirke in Mexiko-Stadt. Hier finden viele Obdachlose und MigrantInnen Unterschlupf, die um das nackte Überleben kämpfen. Das Alter der Prostituierten liegt zwischen 18 und 84 Jahren. Obwohl es viele Minderjährige gibt, werden sie offiziell verleugnet. Die meisten Prostituierten kommen aus ländlichen und armen Regionen Mexikos. Weil sie ihre Rechte nicht kennen, akzeptieren viele wie selbstverständlich die alltägliche Not, Ausgrenzung und Gewalt in La Merced.

„Seit Jahren setze ich mich für bessere Ar­beits­be­dingungen ein und versuche, meine Kolleginnen über ihre Rechte aufzu­klären“, erzählt Lucia bei einem starken Kaffee in der Eckkneipe, wo sie sich aufwärmt. Seit 1998 bekommt sie dabei Unterstützung vom Centro de Atención Integral y Servicios (CAIS). Das Zentrum will die Lebensqualität der Prostituierten verbessern. Stolz erzählt Lucia, dass sie im CAIS regelmäßig zur psychologischen Therapie und zu medi­zinischen Untersuchung geht und juristische Aufklärung erhält. Alles gratis.
Am Anfang ist Lucia dem CAIS sehr skeptisch begegnet. „Die ersten Flyer habe ich sofort weggeschmissen und nur das geschenkte Kondom behalten. Dann habe ich erkannt, dass sie nicht versuchen, uns von der Straße zu holen. Sie begleiten uns in unserem Alltag, unterstützen uns und sind unser Sprachrohr in der Öffentlichkeit. Jetzt freue ich mich über jeden Besuch von ihnen.“

Im CAIS arbeiten sechs Frauen. Sie brauchen viel Mut, wenn sie sich in kleinen Teams durch die engen, dunklen Straßen bewegen. Dort vergammelt oft Müll, und Schwaden von Marihuana und Klebstoff ziehen durch die Luft. Ab und an sehen sie einen Besoffenen zwischen den verwesenden Abfällen liegen, der seinen Rausch ausschläft. Sie sehen Männer und Frauen, die sich eine Tüte vor das Gesicht halten und mit glasigen Augen in die Welt blicken. Viele Frauen im Viertel nehmen Drogen, andere sind zum Opfer von Vergewaltigungen geworden; Schulden und Abtreibungen sind beinahe so alltäglich wie der Versuch, aus der Prostitution heraus zu kommen. Die Prostituierten sind oft starke Frauen. Sie bestehen den täglichen Überlebenskampf, um ihre Kinder zu ernähren und ihre Familie zu unterstützen, obwohl sie unter der Diskriminierung und Verachtung der Gesellschaft leiden. Mexiko schmückt sich gern mit positiven Wirtschaftsdaten und verleugnet Probleme wie Arbeitslosigkeit und Korruption, Menschenrechtsver­letzungen und die Straflosigkeit der Täter. Der Mindestlohn liegt bei 3,50 US-Dollar am Tag; etwa ein Drittel der arbeitenden Bevölkerung zahlt keine Steuern und arbeitet schwarz.

Vor einigen Jahren ist Lucia mit 13 Jahren aus dem südlichen Bundesstaat Oaxaca mit großen Hoffnungen in die Hauptstadt gekommen. Sie hatte gerade die Hauptschule abgeschlossen und träumte davon Jura zu studieren. Ihre Träume zerplatzten schlagartig, als sie in Mexiko-Stadt ein Zimmer mit ihren Cousins und Onkels auf engsten Raum teilen musste. Zwei Wochen nach ihrer Ankunft wurde sie von einem ihrer Cousins schwanger. Von ihrer Familie konnte Lucia keinerlei Unterstützung erwarten, so flüchtete sie auf die Straße. „Mit 13 Jahren erwartete ich also ein Kind und hatte keinen einzigen Cent in der Tasche. Es traten Komplikationen während meiner Schwangerschaft auf, so dass ich das Kind verlor. Allein gelassen, näherte ich mich den anderen Frauen auf der Straße. Sie erklärten mir, was es bedeutet, eine Sexarbeiterin zu sein. Es war meine einzige Möglichkeit in dieser Stadt zu überleben.“ Seit über 15 Jahren arbeitet Lucia nun schon in diesem Sektor und hat oft versucht, herauszukommen. Sie verdingt sich in Fabriken, als Verkäuferin und als Kellnerin, aber sie kehrte immer wieder auf die Straße zurück. In der anderen Welt fühlte sie sich einsam. „Ich habe meine Freundinnen vermisst, die wie meine Familie geworden sind. Hinzu kam, dass der Tageslohn so gering war, dass er nicht zum Überleben ausreichte.“

Die Prostitution in Mexiko-Stadt ist gut organisiert und damit fällt den Zuhältern große Macht zu – und den Zuhälterinnen, die einst selbst Prostituierte gewesen sind. „Vor den Zuhälterinnen haben wir am meisten Respekt. Sie kontrollieren oft mehr als 200 Frauen und verlangen von uns pro Tag 150 Pesos (etwa 15 US-Dollar) und am Wochenende 200 Pesos. Als Gegenleistung versprechen sie uns Schutz und Sicherheit.“ Lucias Stimme beginnt zu zittern, als sie sich an die Missbräuche erinnert und an die Verletzungen, die ihr Körper durch Polizei, Klienten und Passanten, und vor allem durch die ZuhälterInnen erlitten hat.

Die Mitarbeiterinnen vom CAIS bestärken die Frauen darin, unabhängig und ohne ZuhälterInnen zu arbeiten. Das ist keine leichte Aufgabe und lenkt den Unmut so einiger ZuhälterInnen auf die Mitarbeiterinnen des CAIS. Das geht so weit, dass ausstiegswillige Frauen zusammengeschlagen ins CAIS kommen – oder aus Angst gar nicht mehr dort auftauchen.

Eine Lösung für die Frauen, die unabhängig arbeiten wollen, bieten so genannte Convenios: legale Vereinbarungen zwischen einer Gruppe von Prostituierten, der Nachbarschaft einer Strasse und den BeamtInnen der jeweiligen Bezirksämter. Gemeinsam stellen sie Regeln auf und dokumentieren sie offiziell. „Wir haben uns darauf geeinigt, nur an bestimmten Tageszeiten zu arbeiten, also wenn keine Schulkinder vorbeilaufen. Wir tragen keine durchsichtige und aufreizende Kleidung und konsumieren dort keine Drogen. Für mich ist diese offizielle Vereinbarung ein großer Erfolg“, sagt Lucia und ein Lächeln huscht über ihr ernstes Gesicht, „dafür habe ich mich jahre­lang eingesetzt.“ Die zwölf Frauen von der Avenida Revolución haben nun ein anerkanntes Dokument, das sie jederzeit vorzeigen können, wenn Polizisten sie wieder einmal festnehmen wollen – meist um Bestechungsgelder zu kassieren. „Oft werden wir von den Polizisten am brutalsten behandelt, werden geschlagen, beschimpft oder sexuell misshandelt.“

Lucia trinkt ihren kalten Kaffee aus, zwinkert Marianna liebevoll zu und bezieht wieder ihren Posten auf der Straße. Irgendwann möchte sie ein Buch schreiben. Für all jene, die ebenso naiv sind, wie sie selbst vor 15 Jahren.

Miriam Seemann studierte Lateinamerikanistik und Intercultural Conflict Manage­ment und arbeitete für die preace brigades international (pbi). Sie bereiste mehrfach Lateinamerika und arbeitete u.a. in Mexiko-Stadt mit Sexarbeiterinnen.

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