Das Störtebeker-Netz als zentrale Plattform rechtsextremer Ideologie

Autor_in: 
Ricarda Fröhlich

Rechtsextreme Plattformen gibt es viele im Internet. Die meisten, auf denen offen rechte Inhalte publiziert werden, wie die Leugnung des Holocaust oder offene Aufrufe zu Gewalt, sind auf Servern irgendwo auf der Welt geparkt. So auch eines der erfolgreichsten rechten Portale im Internet, das Störtebeker-Netz.

Im Wesentlichen ist das Störtebeker-Netz eine Einmannshow. Unter dem Pseudonym „Schriftleitung“ teilt Axel Möller der Welt in munterem bis provozierendem Plauderton mit, was er von ihr hält. Das kommt an: Jährlich drei bis vier Millionen Zugriffe kann seine Seite verzeichnen. Seine Be­trach­tungen, Kommentare und sogar Buch­rezensionen sind bundesweit beliebt, auch wenn seine Seite vor allem regional Wir­kungen entfaltet, die weit über die digitale Welt hinaus reichen. Möller wohnt in Stralsund, wo die rechte Szene recht aktiv und dominant ist. Offen rechte Jugendtreffs und Gewalt gegen Linke und ausländisch Aussehende sind keine Seltenheit. Dazu trägt das Störtebeker-Netz neben aller Plauderei mit bei, denn es veröffentlicht regelmäßig Fotos, Adressen und Telefonnummern von AntifaschistInnen und anderen Menschen, die einmal etwas Kritisches gegen die nationale Mobilmachung geäußert haben. Er kommentiert das sehr freundlich: „Falls Sie Frau N. einmal besuchen und ihr zu ihrer Haltung gratulieren wollen: Am Fischerweg 13 freut man sich immer über Besuch!“

Damit schaffen seine Berichte und Kommentare ein Bedrohungspotenzial, das fast ganz ohne tatsächliche rechts­extreme Übergriffe auskommt und eine Atmosphäre der Angst bewirkt. Gleichzeitig ist es kaum möglich, ihn daran zu hindern, denn er veröffentlich anonym und sein Server ist dem Zugriff deutscher Behörden entzogen. Veranstaltungen, die öffentlich gegen Rechts mobilisieren wollen, werden im Störtebeker-Netz angekündigt und folglich auch immer von genug Rechtsextremen besucht, um die interessierten BesucherInnen einzuschüchtern. Letztes Jahr habe ich verschiedene Menschen interviewt, die in einem „Bündnis gegen Rechts“ mitarbeiten. Sie erklärten, dass allein der Gedanke an tatsächliche oder mögliche Artikel über sie im „Störtebeker-Netz“ in ihnen ein Gefühl der Beklemmung oder Angst auslöst. Das führt den Widerstand gegen Rechts in Stralsund und Umgebung in ein Dilemma: Sollen sie jetzt quasi „in den Untergrund“ gehen und sich dort gegen Rechts organisieren? Wäre es nicht sinnvoller, öffentlich das Klima der Angst zu thematisieren, welches sich durchaus auch in der eher unpoliti­schen Bevölkerung Stralsunds verbreitet hat? Wie kann Widerstand gegen eine Internet-Seite aussehen?

Rechte Websites werden oft in den USA gehostet, wo die Verbreitung neonazistischer Propaganda durch die Meinungsfreiheit geschützt wird. Daher versuchen Gruppen wie die Anti-Defamation-League, Internet-Provider zu einer Selbstverpflichtung zur Bannung rassistischer Homepages zu bewegen. Mit Erfolgen, denn manche Seiten sind schon nicht mehr erreichbar, müssen ihre Adressen wechseln oder ganz aufgegeben werden. Beim „Störtebeker-Netz“ war diese Strategie bislang nicht erfolgreich, so erfreut es sich leider bester Gesundheit.

Die Einmannshow

Seit mehr als zehn Jahren ist Axel Möller „politisch aktiv“. Er war Mitglied der Republikaner und der NPD, inzwischen nennt er sich „freier Nationalist“. Er kritisiert die NPD und die Kameradschaften als „Möchtegern-Nationalisten ohne politischen Sachverstand“, den NPD-Wahlkampf im Jahr 2006 als „Desaster“ oder die allwöchen­tlichen Demonstrationen des „nationalen Widerstandes“ als „chaotisch“. Damit füllt seine Seite eine Lücke in der rechten Mobilisierung, auf der sich die Linke bisher selbstsicher ausgeruht hatte: Sie organisiert Selbstkritik und theoretische Reflexion in der rechten Szene und versorgt sie mit Argumenten und rhetorischen Strategien. Anders als die meisten seiner rechten Mitstreiter im Netz verzichtet er völlig auf schwere Symbolik oder offene ideologische Pamphlete. Möller jongliert geschickt am Rande der Strafbarkeit, besonders wenn er über Juden und den Staat Israel schreibt. Zweimal wurde er wegen Volksverhetzung und Leugnung des Holocaust vor Gericht gestellt. Seitdem orientiert er sich am Rat einer Richterin, antisemitische Texte nicht ohne Begleitkommentare oder andere distanzierende Stilmöglichkeiten zu veröffentlichen. Eine Antwort auf solche Formen rechtsextremer Propaganda ist die Linke im Internet bisher noch schuldig geblieben.

 

Ricarda Fröhlich ist Politikwissenschaftlerin mit den Schwerpunkten Rechtsextremismus und Zivilgesellschaft. Sie schrieb ihre Diplomarbeit über Chancen und Grenzen zivilgesellschaftlicher Netzwerke gegen Rechtsextremismus anhand einer Fallstudie in Stralsund.

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