Das Reden über Afrika

Autor_in: 
Maria Paula Meneses

Afrika, insbesondere das tropische Afrika, ist in der Mainstream-Literatur zur politischen Weltordnung und zur Globalisierung auffällig unsichtbar. Der Kontinent wird als „schwarzes Loch“ (Manuel Castells) oder „hoffnungsloser Kontinent“ (John Lonsdale) beschrieben. Geschichte, Politik und Kultur des Kontinents werden als problematisch begriffen und für seine „Rückständigkeit” verantwortlich gemacht.

Infolgedessen stützen sich die Be­ziehungen mit dem Kontinent auf die Idee, dass Fortschritt nur über „Aufklärung“ von außen bewirkt werden kann, die fehler­hafte Entwicklungen in Geschichte, Politik und Kultur korrigiert. Wer noch glaubt, dass die „Globalisierung“ ein junges Phänomen sei, muss nur aus afrikanischer Perspektive den verheerenden Einfluss von Sklavenhandel und Kolonialismus betrachten, um zu verstehen, wie Europa Afrika „unterentwickelt“ hat. Afrika ist in die Transformationsprozesse einbezogen, die im Rest der Welt stattfinden. Aber das Schweigen, das die afrikanischen Realitäten von den globalen Narrativen ausschließt, erschwert es, Besonderheiten und Gemeinsamkeiten aufzudecken, aus denen sich das globale Bild zusammensetzt.

Das Weltsozialforum 2007 beleuchtete einige der Stärken, aber auch der Schwächen und Grenzen universalistischer Annahmen. Zuweilen reflektierte es die Vielfalt und das Potential der Kämpfe gegen die neoliberale Politik des freien Marktes oder gegen neu aufkommenden US-Imperialismus. Zugleich stellte das Forum kontroverse Fragen zu den Implikationen der kolonialen Verkopplung und Abkopplung Afrikas mit dem modernen Weltsystem. Das WSF eröffnete optimistische Einblicke insbesondere in Bindungen zwischen Afrika und dem Rest des globalen Südens.

Der Anspruch, über Afrika reden zu können, so heißt es im Editorial des ersten CODESRIA-Bulletin (siehe Kasten) von 2004, verlangt die Bereitschaft, sich „auf einen partikularen Kontext einzulassen, der von einer von ungleichen Begegnungen und Falschdarstellungen geprägten gemeinsamen Geschichte geprägt ist, die sich aus der Arroganz und Ignoranz der ökonomisch und politisch Mächtigen ergibt, die sich eine kulturelle Überlegenheit anmaßen“.

Ein Weg, die Sicht auf afrikanische Geschichte(n) als große Ausnahmen, die außerhalb der Weltgeschichte stehen, zu vermeiden, liegt in der Entwicklung einer im Dialog erfolgenden Forschung zu Kultur, Wirtschaft und Geopolitik des Kontinents. Für diesen Dialog spielt CODESRIA eine wichtige Rolle. Der „Rat für die Entwicklung sozialwissenschaftlicher Forschung in Afrika“ wurde 1973 in Dakar gegründet. Es erfährt nicht nur für seine Pionierleistung als afrikanische sozialwissenschaftliche Organisation Anerkennung, sondern auch als wichtigste regierungsunab­hängige Einrichtung des Kontinents für soziale Wissensproduktion.

CODESRIA hat sich zur Aufgabe gemacht eine hoch entwickelte multidiszi­pli­näre Forschung voranzutreiben und zu zeigen, dass jedes Wissen sowohl lokal als auch global ist. Die Ergebnisse der Forschung, die mit der Unterstützung von CODESRIA betrieben wird, belegen, dass universelle Annahmen und Schlüsse nur un­ter spezifischen politischen Bedingungen entstehen. Keine Gesellschaft, kein Kon­tinent und keine historische Epoche kann daher einen größeren Anspruch auf universelle Geltung erheben als eine andere.

Maria Paula Meneses arbeitet als Historikerin und Anthropologin an den Universitäten in Coimbra, Portugal und in Maputo, Mocambique.

Aus dem Englischen von Nikolai Brandes

 

CODESRIA - Council for the development of Social Science Research in Africa

In den späten 1960er Jahren arbeiten einzelne afrikanische Universitäten wie Makerere (Uganda), Dar-es-Salaam (Tansania) oder Ibadan (Nigeria) auf hohem wissenschaftlichen Niveau. Sie nehmen herausragende Rollen für das „nation building“ der postkolonialen Staaten ein und ziehen auch außerafrikanische WissenschaftlerInnen an.
Ab Mitte der 1970er Jahre lässt die Förderung der Universitäten aus wirtschaftlichen und politischen Gründen nach. Um weiterhin internationale und panafrikanische sozialwissenschaftliche Forschung betreiben zu können, wird 1973 der Council for the development of Social Science Research in Africa (CODESRIA) in Dakar gegründet. Ab Mitte der 1980er Jahre etabliert sich CODESRIA als Einrichtung, die eigene interdisziplinäre und internationale Forschungsprojekte, etwa zu Gender und demokratischer Regierungsführung, durchführt. Sie vergibt Stipendien und gibt eigene wissenschaftliche Publikationen und Zeitschriften heraus, die afrikanischen Universitätsbibliotheken kostenlos zur Verfügung gestellt werden. Derzeit hat CODESRIA seinen Sitz in 38 anglo-, franko- und lusophonen sowie maghrebinischen Ländern Afrikas. Die Forschungsschwerpunkte der letzten Jahre sind breit gefächert und reichen von Transformationen der Hochschulsysteme über Konfliktforschung bis zu postkolonialen dualen Rechtssystemen. Mit Konferenzen interveniert CODESRIA in den letzten Jahren auch in aktuelle politische Konflikte, wie etwa den Auseinandersetzungen in der Côte d’Ivoire. www.codesria.org

 

 

Weiterempfehlen (2 Klicks für mehr Datenschutz)