Das Bett im Musikzimmer. Episode #3

Autor_in: 
Dorothea Müth


Drei Episoden vom Konsum

Episode #3 _ Containern Gehen: Vom gut geschützten Müll

Container haben einen gewölbten Schiebedeckel, Deckel auf zwei Seiten oder gar keinen Deckel. Sie stehen im Hof oder am Hinterausgang von Supermärkten. Dort fährt mensch auf dem Heimweg vorbei und holt Lebensmittel raus, die von den Supermärkten weggeschmissen wurden, obwohl sie noch essbar sind. Die Ausbeute ist immer eine Überraschung: fünf Kilogramm feinste Pilze, ein Kühlschrank voller Tofu, oder ‚nur‘ Bananen und Joghurt.

„Sonst könnte ich mir meinen Lebensstil nicht leisten“, sagt René*. Er wohnt in einer WG, die durch das Containern pro Woche und Person etwa 10 Euro spart, welche sie dafür in Bio-Lebensmittel beim restlichen Einkauf investiert. René studiert Sozialwissenschaften, ist in mehreren linken Gruppen aktiv. Zählt das Containern auch zum politischen Engagement? René verneint entschieden: „Ich könnte das zwar politisch unterfüttern, mit einer Kritik an der Wegwerfgesellschaft, aber eigentlich geht es um den eigenen Konsum.“ Die Ausbeute teilt er. „Wenn ich nach einem Treffen viel finde, gehe ich oft noch mal zurück zur Gruppe und frage, wer was haben will.“ Wenn er einkaufen war, macht er das nicht. Wer kauft schon ‚zuviel‘, um es anderen abzugeben?
Florian* hat vor 15 Jahren viel containert, in einer Zeit, wo er und seine Leute kaum Geld hatten. „Vielleicht 10 Mark die Woche – da haben wir vom Containern gelebt.“ Er grinst verschmitzt: „So sind wir auch an die leckeren Sachen gekommen, Bananen und Avocados, die wir sonst nicht kaufen würden. Bio darf nicht fliegen, finde ich.“ Heute lebt Florian in einem Wohnprojekt, wo jede/r für sich selber sorgt. Wir hocken auf Sitzkissen auf dem Boden und trinken grünen Tee in mehreren Aufgüssen. Braungebrannte Haut und klare Augen leuchten, wenn Florian vom selbstorganisierten Leben in den 1980er und 1990er Jahren erzählt: Im Sommer war es oft eklig, in der Hitze zwischen stinkendem Fleisch und aufgeplatzten Milchtüten nach etwas Brauchbarem zu suchen.

Aber Florian hat mal den Test gemacht: Ein abgelaufener Joghurt kann noch bis zu einem Jahr nach dem Mindesthaltbarkeitsdatum gut sein. Sie haben sich damals an Containern verabredet, Bier mitgebracht und Straßenparties gefeiert. Mehrmals gab es auch Begegnungen mit Polizisten. „Aber als die gesehen haben, was wir da für schöne Sachen rausziehen, haben sie gestaunt und uns machen lassen.“ Einmal ist ihm auch ein Wachmann an die Gurgel gegangen.
Florian hat mit dem Containern aufgehört, als sein Sohn in den Kindergarten kam – er wollte nicht, dass er seinetwegen ins Gerede kommt. Trotzdem verrät er mir noch den alten Trick: Klebstoff rein, wenn mensch einen Container mit Vorhängeschloss gesichert vorfindet. Aufs Aufbrechen haben die Supermarktleute nicht viele Male Lust. In den letzten Jahren werden immer mehr Container umzäunt. René: „Dabei achten wir, erst recht im eigenen Interesse, darauf, die ordentlich zurückzulassen, nichts rauszuschmeißen. Es ist absurd, wie die Leute ihren Müll schützen.“

Dass Containern als Alltagspraxis so wenig bekannt ist, verwundert. Menschen, die Pfandflaschen sammeln, sind seit Beginn der Armutsdebatte 2006 als offensichtliches Elendsphänomen ins alltägliche Blickfeld gerückt. Ganze Familien leben vom Pfand aus öffentlichen Mülleimern und bessern sich dadurch das unzureichende Arbeitslosengeld II auf. Die Stadt Köln hält immer noch an ihrer Grünflächenverordnung von 2003 fest, welche in §11 Abs. 3 „(j)ede zweckwidrige Benutzung der Abfallbehälter“ untersagt: Abfallbehälter dürfen nicht durchsucht, Gegenstände daraus entnommen oder verstreut werden.“ Die 2005 mit den Maßnahmen „Wintercheck“ und „Frühlingszauber“ kurzzeitig erhobenen Bußgelder von fünf bis zehn Euro für das Durchwühlen von Mülleimern setzt das Ordnungsamt nach öffentlichen Protesten und subversiven Aktionen allerdings nicht mehr um.

* Namen geändert

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