Das Bett im Musikzimmer. Episode #2

Autor_in: 
Dorothea Müth


Drei Episoden vom Konsum

Episode #2 _ Regionalgeld: Lokale Solidarität oder Protektionismus im Kleinen?

„Wenn wir das Café wirklich aufmachen, dann tun wir Dinge, die uns am Herzen liegen: Regionalgeld, Grundgehalt, und Kunst.“ Das Café Grundgehalt liegt in einer ruhigen, kleinen Straße im Berliner Stadtteil Kreuzberg 61. Sonntags wird Tatort geguckt, mittwochs ist Computertag, und einmal im Monat trifft sich hier das „Netzwerk Grundeinkommen“. Es gibt selbstgebackenen Kuchen, Eintopf und Gemüse-Quiche.

Das Café ist Ausgabe- und Annahmestelle für den Berliner: Euros können hier im Wert von 1:1 gegen Scheine von eins, fünf und zehn Berlinern, die wie Wertgutscheine funktionieren, eingetauscht werden. Das Regiogeld zirkuliert neben dem Euro und soll lokale Wirtschaftskreisläufe in der Region stärken.
Das Regiogeld für Berlin und Brandenburg verfällt nach einem halben Jahr. Das Verfallsdatum ist aufgestempelt. Beim Umtausch in neuere, gültige Berliner verliert das Geld zwei Prozent, beim Rücktausch in Euro fünf Prozent seines Nennwerts. Dieser Kniff nennt sich Umlaufsicherungsgebühr und soll gewährleisten, „dass die Scheine schnell von Hand zu Hand gehen und ihre volle Wirkung in der Region entfalten können“, wirbt die Grüne Liga. Von diesen fünf Prozent „Regionalbeitrag“ fließen zwei in den Druck der Geldscheine und drei an eine gemeinnützige Einrichtung.

Im Umlauf sind 20.000 durch ein Euro-Konto gedeckte Berliner. Bezahlen kann mensch damit in etwa 180 Geschäften, Praxen und Dienstleistungsunternehmen in Berlin und Brandenburg – die meisten sind dort, wo die ‚alternative Szene‘ lebt: in Kreuzberg um den Lausitzer Platz und im Wrangelkiez, im Prenzlauer Berg zwischen Bötzowkiez und Choriner Straße.

Das Konzept Regiogeld ist 2002 aus einem Projekt an einer Waldorf-Schule in Prien am Chiemsee entstanden. Dort sind mittlerweile 200.000 Chiemgauer im Umlauf, die im Jahr 2007 einen Umsatz von 2,3 Mio. machten. Wer am Chiemsee verkaufen will, kommt um den Chiemgauer kaum herum. Seit letztem Jahr gibt es auch eine Karte für den bargeldlosen Zahlungsverkehr in Chiemgauern und eine Bank, die Konten in der Regionalwährung führt. Der Chiemgauer wird dreimal öfter ausgegeben als reguläres Geld, das angelegt werden kann und „dorthin läuft, wo es Rendite macht“, so Heini Staudinger vom Regionalgeld Schreibverbund.

An diesem Punkt sieht der Wahl-Gastwirt und ehemalige Lehrer Meisenberg die Potenziale für eine solidarische und nachhaltige Ökonomie: „Die lokalen Geschäfte ziehen mehr an einem Strang und entwickeln gemeinsam Ideen.“ Die Transportwege sind kürzer, weil eingenommene Berliner oder Chiemgauer wieder in der Region ausgegeben werden. „Die Leute entwickeln ein Bewusstsein für Geld: Was passiert mit meinem Geld? Wie funktioniert Geld überhaupt? Viele wissen ja gar nicht, dass die Goldbarren als Gegenwert für den Euro nicht mehr wie früher vorhanden sind.“

Die Banken und die Bankenaufsicht sehen die Regiogelder, die inzwischen in 40 Regionen in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Italien kursieren, nicht gern. Trotzdem wird der Berliner von der GLS Bank unterstützt und die Bundesdruckerei druckt ihn zum Selbstkostenpreis. Die Infrastuktur der meisten Regiogelder wird ehrenamtlich von Vereinen getragen.

Um das Projekt der Regionalwährungen haben sich illustre Gemeinden gebildet. Das Düsseldorfer Rheingold wirbt zum Beispiel auf der erste Seite seines Internetauftritts mit Ludwig Erhard und dem deutschen Wirtschaftswunder. „Wohlstand für alle mit der Betonung auf alle“ will das Projekt. Das im Ruhrgebiet gültige Coinstatt funktioniert in erster Linie als Internetforum und Kontaktbörse für Dienstleistungen. In Köln wiederum, der größten Stadt Nordrhein-Westfalens, ist ein Regiogeld gänzlich unbekannt.

Max* findet das nicht schade. Der Kölner Anarchist hat kein Verständnis für das Projekt: „Die Welt wird eben vom Kapitalismus dominiert. Ich weiß nicht, ob sich das jemals ändern wird, ich weiß auch keinen Weg dorthin, aber ich weiß auch nicht, warum man sich was vormachen muss. Das Regiogeld ist doch protektionistisch, ein System um den lokalen Kapitalismus zu fördern. Ein Staat im Staate!“ Selbst der Spende an gemeinnützige Einrichtungen kann er nichts Positives abgewinnen: „Diese Rücktauschgebühr ist im Prinzip eine Einführsteuer und das Verfallsdatum produziert eine künstliche Inflation – zusätzlich zu der, die es sowieso gibt!“ Dazu kommt: Derjenige, der zwei Tage vor Ablauf noch einen 50 Chiemgauer annimmt, trägt den Wertverlust, während der erste einen Eintausch-Bonus erhält. „Im Drogenmilieu nennt sich das Anfixen. The first one‘s always free...“

Offensichtlich steckt nicht hinter allen Regiogeldern das Programm, nachhaltiger und solidarischer zu wirtschaften. Helmut Meisenberg macht die Verbrauchermacht stark: „Mich interessiert, was vor meiner Tür passiert, wie hier die Kartoffel angebaut wird. Wie die Volkswirtschaft in Neuseeland funktioniert, ist mir egal. Wenn zum Beispiel ein Drittel meines Gehalts in Berlinern ausgezahlt würde und ein Geschäft akzeptierte die nicht, dann würde ich sagen, na gut, gehe ich woanders hin!“ Er bleibt dennoch verhalten, was die Zukunftsperspektive des Regiogeldes betrifft. „Ich wünsche mir, dass nicht Aldi und Lidl das große Geschäft machen, dass die Menschen Arbeit in der Nähe finden.“ Eine Welt voller florierender, regionaler Komplementärwährungen kann er sich nicht recht vorstellen: „Manche Ideen sind irgendwann überholt. Die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens ist ein ganz anderes Kaliber. Das würde eine Revolution bedeuten!“

* Namen geändert

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