Das Bett im Musikzimmer. Episode #1

Autor_in: 
Dorothea Müth

 

Drei Episoden vom Konsum

Episode #1: Funktionales Wohnen: Kleine Gesellschaft ohne Eigentum

„Die Leute bleiben in Bewegung. Sie beschäftigen sich mehr miteinander, und man bekommt ein Gefühl für die ganze Wohnung.“ So schwärmt Alex* vom Funktionalen Wohnen, womit der Student schon in mehreren Berliner Wohngemeinschaften Erfahrungen gesammelt hat. Statt vieler privater Zimmer gibt es beim FuWo nur zweckbestimmte Räume – „wie auch sonst in der Gesellschaft“, meint Alex. Es gibt zum Beispiel eine Bibliothek, ein Still­arbeitszimmer und eins, das als Büro fungiert; ein Freizeitzimmer, Strand genannt, natürlich ein Badezimmer und ein Koch- und Esszimmer – den Funktionen sind keine Grenzen gesetzt. In jedem Raum steht außerdem ein Bett. Die BewohnerInnen verhandeln jeden Abend neu, wer wo schläft. Sie haben die Zimmer gemeinsam eingerichtet und auch die Kleidung benutzen sie zusammen. „Dadurch haben wir die ‚ursprünglichen‘ Besitzverhältnisse zum Teil vergessen“, stellt Alex fest.

Entstehen da nicht Konflikte um Lieblingszimmer? Wollen nicht die gleichen Leute am liebsten in den gleichen Betten schlafen? Können manche sich mit ihren Wünschen besser durchsetzen als andere? Das Aushandeln der Schlafgelegenheiten sei immer nett und unproblematisch gewesen, betont Alex. Die Vorteile von FuWo seien eben das sozialere Miteinander und die erweiterten persönlichen Spielräume in der Wohnung. Den Nachteil macht er jedoch an genau dem Punkt fest: Da die Menschen so viel näher zusammen leben, ist Auseinandersetzung ein Muss.

Wenn mensch zusammen am Schreibtisch arbeitet, parallel telefoniert, in die gleiche Kleidung und ins selbe Bettzeug schlüpft, ist einmal die Woche Plenum das Minimum. Durch diese Erfahrungen haben sich seine Ansichten über eine Gesellschaft ohne Eigentum verändert. „Einerseits braucht die eine Ordnung, und andererseits Zeit und Raum, um über vieles zu reden. Das ist schwieriger, als ich gedacht habe. Die Anonymisierung in unserer aktuellen Gesellschaft finde ich zwar schlimm, aber sie ermöglicht auch, Probleme zu ignorieren. Wenn du alles miteinander teilst, kriegst du auch immer alles voneinander mit. Der Druck, sich um die Bedürfnisse anderer kümmern zu müssen, kann kaputt machen.“

Zur Zeit macht Alex kein FuWo mehr. Er lebt in einer WG, die das zwar probiert, aber dann doch wieder private Zimmer eingeführt hat. Enttäuschung und Überforderung klingt durch, wenn er erzählt, dass sie sich ausgemalt hatten, viel mehr politisch zusammen zu unternehmen, etwa Flyer zu entwerfen und gemeinsam auf Demos zu gehen. Dazu sei es aber nie so richtig gekommen. Manches ist Alex doch wichtig, als ‚seins‘ zu besitzen: „Mein Computer. Und mein Fahrrad! Und mein Rucksack.“

Interessant an Alex‘ FuWo-Experiment ist dennoch, dass die gemeinsame Kasse bei unterschiedlichen Einkommen nichts daran geändert hat, was wo und in welchen Mengen eingekauft wurde. Dass es möglich war, sich auf eine Musik zu einigen, die über Boxen in mehreren Räumen gleichzeitig lief. Und dass zum Videogucken am „Strand“ immer sehr viele Leute da gewesen sind.

* Namen geändert

 

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