Briefe, die nicht ankommen!

 
Autor_in: 
Christian Schröder


2003 taucht ein in Vergessenheit geratenes Tagebuch auf. Es erzählt von der Deportation einer niederländischen Jüdin nach Bergen-Belsen. Die Autorin, Mirjam Bolle, 1917 als Mirjam Levie geboren, wächst in einer jüdisch-zionistischen Familie in Amsterdam auf. Als ihr Verlobter Leo Bolle 1938 nach Palästina auswandert, will sie ihm schnellstmöglich folgen. Doch der Einmarsch der deutschen Wehrmacht 1940 durchkreuzt ihre Pläne. Mirjam arbeitet als Sekretärin beim Komitee für Jüdische Flüchtlinge, das später im Jüdischen Rat aufgeht. Fast täglich schildert sie in Briefen an ihren Verlobten in Palästina, wie sich die Lebenssituation der jüdischen Bevölkerung Amsterdams wandelt. Unter deutscher Besatzung werden „Judengesetze” erlassen, die jüdische Bevölkerung der Verfolgung und Repression ausgesetzt. 1941 beginnen die Deportationen. Ein ebenso komplexes wie perfides System von einstweiligen „Freistellungen” und „Sperren”, die der Jüdische Rat zu verwalten hat, erhält bis zum Sommer 1943 die Hoffnung aufrecht, von Deportationen verschont zu bleiben. Mirjams Tagebuchbriefe schildern nicht nur die nächtlichen Razzien, Willkür und Rechtlosigkeit. sondern auch die Arbeitsweise des bis heute umstrittenen Jüdischen Rates, der mehr und mehr die Befehle der Besatzer vermittelt.

Im Juni 1943 wird Mirjam Levie ins Lager Westerbork nahe der deutschen Grenze deportiert. 1939 als Flüchtlingslager für aus Deutschland flüchtende Juden von der niederländischen Regierung eingerichtet, dient Westerbork ab 1942 unter deutscher Verwaltung als Durchgangslager. 75 Prozent der niederländischen Juden werden ermordet, über 100.000 deportiert. Nur ein verschwindend geringer Teil überlebt die deutschen KZs. Mirjam Levie kommt im Januar 1944 ins KZ Bergen-Belsen.

Ihre Briefe aus Amsterdam hat sie nie abgeschickt. In den Lagern schreibt sie Leo heimlich weiter: „Ich muß Dir schreiben, sonst halt ich es nicht mehr aus”. „Nach dem Krieg” werde sie von ihrem Leben erzählen können, sagt sie immer wieder hoffnungsvoll. In ihren Briefen schildert sie in einer nüchternen Sprache den Alltag im Lager, das Hoffen und Bangen. Gerüchte über die nahenden Alliierten und verschiedene Listen mit zeitweilig „Gesperrten”, die Alltagswitze und Lagerlieder der KZ-Inhaftierten vermitteln einen bedrückenden Eindruck vom Leben im Lager. Mirjam Bolle überlebt die Verfolgung der Deutschen. Sie gehört zu einer kleinen Gruppe von 222 jüdischen Häftlingen, die durch einen deutsch-britischen Gefangenaustausch freikommen. Im Juli 1944 sieht sie Leo in Haifa wieder.

So absurd es klingt, ihre Briefe, die sie mit nach Palästina schmuggelt, vergisst sie in der ereignisreichen Zeit. Das junge Paar heiratet, bekommt drei Kinder und zieht 1948 nach Jerusalem, wo andauernder Kriegszustand herrscht. Erst Anfang des neuen Jahrtausends erinnert sich Mirjam Bolle an ihre Tagebuchbriefe. Ihr Mann hat sie bis zu seinem Tod 1992 nicht gelesen.

Das Besondere an diesem Buch ist die Unmittelbarkeit, mit der Mirjam Bolle ihre täglichen Erlebnisse schildert. Andere Erzählungen von Überlebenden sind oft erst Jahre nach Kriegsende geschrieben worden und beschreiben deren Situation rückblickend. Die Tagebuchbriefe werden zu Recht mit dem Tagebuch von Anne Frank verglichen. Auch Anne Frank war im KZ Bergen-Belsen. Doch ihr Leben endete dort.

         

Mirjam Bolle: »Ich weiß, Dieser Brief wird Dich nie erreichen«: Tagebuchbriefe aus Amsterdam, Westerbork und Bergen-Belsen. Mit einer Einleitung von Johannes Houwink ten Date. Eichborn, Berlin 2006. 300 Seiten, Hardcover, EUR 22.90

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