Bewegungen gegen Rassen- und „Klassenapartheid“ in Südafrika

Autor_in: 
Christoph Haug

 

Der Sammelband Challenging Hegemony umfasst sieben Arti­kel, überwiegend von südafrikanischen Intellektuellen. Sein Schwerpunkt liegt auf der Analyse der Kämpfe der Ärmsten der Armen, wie sie Ashwin Desai 2002 in We are the poors prominent beschrieben hat. Aus neogramscianischer Perspektive und mit Bezug auf den „post-poststrukturalistischen“ Theoretiker Alain Badiou untersuchen die Beiträge Möglichkeiten radikaler Politik. Drei Beiträge befassen sich mit den „Bewegungen“ Anti-Privatisation Forum, Treatment Action Campaign und National Land Committee. Die anderen gehen allgemeinen Fra­gen radikaler Systemkritik im südafrikanischen Kontext nach: Sie kritisieren allzu optimistische Vorstellungen von der Zivilgesellschaft als Bastion gegen den Staat sowie die Beschränkung von (Men­schen-)­Rechts­diskursen auf ihr staatlich-institutionelles Gefüge. Denn staatlich garantierte Rechte seien nur so viel wert, wie sie von einer Massenbewegung eingefordert werden. Sie kritisieren die „aberwitzige Illusion“ der Multitude (Hardt/Negri), dass die Ärmsten der Armen etwas mit dem Computerprogrammierer in Seattle gemeinsam hätten.

Die Herausgeber von Voices of Protest geben sich weniger politisch. Aber auch sie betonen, dass die Ungleichheit in ihrem Land seit dem Ende der Apartheid zugenommen hat und dass die Politik des ANC mehr auf eine Förderung der schwarzen Mittelschicht zielt als auf die Bekämpfung der Armut. Darin sehen sie eine Ursache für die neueren Proteste.

Ihr Schwerpunkt ist jedoch weniger die Suche nach einer grundlegend anderen Politik, als die Beschreibung von 16 verschiedenen Bewegungen: Die Treatment Action Campaign setzt sich seit 1998 recht erfolgreich für den freien Zugang zu antiretroviralen Medikamenten ein. Das Soweto Electricity Crisis Committee und das Anti-Priva­tisation Forum wehren sich gegen die Privatisierung der Wasser- und Stromversorgung. In Kapstadt versucht die Anti-Eviction Campaign, die Räumung von Wohnungen zu verhindern. Das Environmental Justice Networking Forum greift Umweltthemen als soziale Probleme auf, und die Landlosen­bewegung ging 2001 aus dem National Land Com­mit­tee hervor, nachdem sich Unzufriedenheit mit dem regierungsnahen Kurs dieser NGO breit gemacht hatte – ein Vorwurf, mit dem sich auch die aus Zeiten des Anti-Apartheid-­Kampfes stammende South African National Civic Organisation, der Dachverband der insgesamt 4.300 Civics („Nach­bar­schafts­läden“ oder „Bür­ger­zen­tren“), immer wieder aus­ein­an­der­setzen muss. Der größte Ge­werk­schaftsbund COSATU ist of­fiziell Teil der Regierung und wird gleichwohl als Bewegung gehandelt. Dessen mangelnde Fähigkeit, den wachsenden informellen Sektor zur organisieren, führte 1994 zur Gründung der Self-Employed Women’s Union nach indischem Vorbild.

Håkan Thörn liefert in Anti-Apartheid and the Emergence of a Global Civil Society die Vor­ge­schich­te zur aktuellen Konstellation in Südafrika. Er beschreibt vier Jahrzehnte transnationaler Anti-Apartheid-Bewegung, die 1994 zu den ersten freien Wahlen in Südafrika führte. Sein Anliegen als Soziologe ist nicht nur ein historisch-des­krip­tives. Es geht ihm darum, die Beschränkungen des methodologischen Nationalismus und Eurozentrismus in den Theo­rien zu neuen sozialen Be­we­gung­en zu durchbrechen, indem er die Be­deu­tung zeigt, den die kollektiven Erfahrungen der antikolonialen Kämpfe im Süden für die Entstehung der neuen sozialen Bewegungen im Norden hatten. Drei Phänomene stehen dabei im Mittelpunkt: Die Ermöglichung glo­ba­ler Me­dien­ereig­nis­se durch die Globalisierung der Kom­mu­nika­tionsmedien, die Trans­na­tio­nalisierung von Face-to-face-Kontakten durch neue Reisemöglichkeiten und postkoloniale Migrationsbewegungen und die Herausbildung „globaler“ politischer Organisationen. Im ersten Teil des Buches beschreibt er anhand von Interviews mit Anti-Apartheid-Pionieren die Bewegung aus verschiedenen Perspektiven: Zunächst mit einer Typologie von Akteursbiografien, dann die internen Konflikte zwischen verschiedenen Strömungen im internationalen Kontext und im nationalen Rahmen Schwedens und Großbritanniens. Wer den zweiten Teil vor dem ersten liest, wird die Bewegungsinterna womöglich besser einordnen können, denn dort befasst er sich mit den öffentlichen (Medien-)Debatten über Apartheid in der Zeit von 1960 bis 1990 und damit, unter welchen Bedingungen die Bewegung Einfluss auf den öffentlichen Diskurs ausüben konnte.

Wer eine überblicksartige Ein­führung in die aktuellen südafrikanischen Bewegungen will, greife zu Voices of Protest. Wer sich mehr für eingehende theoretische Reflexionen anhand ausgewählter Bewegungen interessiert und grundlegende Überlegungen über Politik, Staat, Zivilgesellschaft und Liberalismus nicht scheut, wird Challenging Hegemony bevorzugen. Und wer aktuelle Entwicklungen stärker im Kontext historischer Entwicklungen transnationaler Bewegungen sehen möchte, wird Anti-Apartheid and the Emergence of a Global Civil Society hilfreich finden, denn Thörn zeigt, dass die Anti-Apartheid-Bewegung ebenso eine transnationale „Bewegung der Bewegungen“ war, wie dies heute von der globalisierungs­kri­ti­schen Bewegung gesagt wird.

 

Eine ausführliche Fassung der Rezension erscheint in Das Argument 271/2007.

 

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