Berliner Verhältnisse

Autor_in: 
Christian Schröder

Mario ist ein sympathischer Loser; ist es ihm doch bis Anfang Dreißig gelungen, die Leistungsgesellschaft mit ihrem Konsumwahn zu ignorieren. Bis der 32-jährige mitten in eine tiefe Sinnkrise, eine „Wie-soll-das-alles-weitergehen-Psychose”, gerät. Plötzlich wollen ihm alle einreden, dass es langsam an der Zeit sei, sich einen Job zu suchen, sich Gedanken über seine Zukunft zu machen und an Familiengründung zu denken. Selbst seine Mutter, die „Exmaoistin, Exkunstlehrerin, Exaussteigerin”, ist neuerdings mit einem Aufsichtsrat zusammen und erzählt ihm, dass etwas Sicherheit im Leben nicht schaden könne. Auch das Kreuzberger WG-Leben nervt ihn auf einmal, vor allem die „Untermieter“ in der Küche: auf Berliner Baustellen illegal arbeitende Rumänen, die um ihre Löhne geprellt werden. Deswegen fangen Mario und seine Mitbewohner Piet, Didi und Wassilj an, deren ausstehende Löhne bei den Bauherren einzutreiben. Das erweist sich als nicht so einfach, denn die Berliner Bauwirtschaft ist nicht nur bekanntermaßen durch und durch verfilzt, sondern das Outsourcing macht es ganz schön schwierig, die wahren Auftraggeber zu ermitteln. Trotzdem läuft das Inkasso-Geschäft so gut, dass sich nach kürzester Zeit ein Geldregen in der WG einstellt. Marios Mitbewohner haben erst mal genug und mit der Geldeintreiberei ist bis auf weiteres Schluss. Dabei will Mario seiner neuen Flamme, der „Einzelhandelstusse“ Melek, Besitzerin des Souvernir-Ladens Brittas Geschenkeshop („Die Touristen finden das authentischer. Die wollen Berliner Originale”), einen kleinen ersehnten Edeka-Laden schenken. Dann wird’s verwirrend im Baugeschäft: Marios schwuler Mitbewohner Piet will eine Architektin heiraten, bei der sie eigentlich Geld eintreiben wollten. Ein anderer „Kunde“ erscheint als Nebenbuhler um Melek. Marios insolventer Bruder Wolfgang steckt auch im Immobiliengeschäft und wird auf Veranlassung seiner Gläubiger auf Schritt und Tritt von einem rosa Hasen verfolgt. Katastrophal wird’s, als Mario von allen verdächtigt wird, seinen vermeintlichen Nebenbuhler Hasan/Serol bei der Ausländerpolizei verpfiffen zu haben. Schließlich soll er ihn heiraten, um ihn vor der Abschiebung zu retten.
Berliner Verhältnisse ist, nach Friss Und Stirb Trotzdem, La Negra und Bastard, der vierte Roman des in Berlin lebenden Autors und Politaktivisten Raul Zelik. Er entstand auf Basis ei­ner Kurzgeschichte von 2001, aus der Raul Zelik und Regisseur Detlev Buck ein Drehbuch gemacht haben. Der Film ist bisher nicht gedreht worden. Man kann nur hoffen, dass Detlev Buck nach seinem miserablen Neuköllner Ghetto-Film Knallhart (siehe Filmrezension in dieser Ausgabe) nicht vorhat, dies noch zu tun. Dabei liest sich das Buch schon wie eine Filmvorlage: Den Slapstick-Humor (keine Seite ohne mindestens fünf Gags) muss man schon mögen. Kai Wiegandt hat es in der SZ auf den Punkt gebracht: „Wer nun denkt, ‚Berliner Verhältnisse’ schippere in den Bahnen von Klischees und altbewährten Komödienplots, hat Recht. Nur, man schmunzelt beim Lesen ungefähr so oft, wie man in Gedanken meckert.“
Zelik schafft es auf eine sympathische Art, prekäre gesellschaftliche Verhältnisse „von unten“ aus Sicht der Loser, Verweigerer und MigrantInnen zu beschreiben. Die Romanfiguren werden dermaßen mit Klischees ironisiert, dass ihre identitären Zuschreibungen fortwährend ad absurdum geführt werden. Wenn der Roman sprachlich und stilistisch an Popliteratur erinnert, hat er doch ganz und gar nichts mit dem überflüssigen, selbstherrlichen und arroganten Schreibstil eines Stuckrad-Barre gemein.
Raul Zelik wollte den Roman eigentlich „Outsorcing-Story“ nennen, das wollte der Verlag verständlicherweise nicht. Berliner Verhältnisse war der Vorschlag der Redaktion. Das gefiel auch ihm weil er „so schön nach CDU-Wahlkampf klingt”.



Raul Zelik: Berliner Verhältnisse: Unterschichtenroman.
Blumenbar Verlag, München 2005, 318 Seiten, 18,- Euro, ISBN 3-936738-18-1

 

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