Auf der Flucht

Autor_in: 
Christian Schröder

 

Was für ein eigenwilliges Buch! Drei Erzählstränge verlaufen unabhängig voneinander und werden nicht zusammengeführt. Darin berichten verschiedene Erzähler von derselben Person in unterschiedlichen Lebensphasen: Gregorio Ugarte alias Goio steht im Mittelpunkt aller Geschichten. Im Hier und Jetzt lebt er als untergetauchter Exil-Baske an der nicaraguanischen Atlantikküste, hat Sprache und Gedächtnis verloren. Freundin Maribel nimmt ihn mit auf eine Mittelamerikareise, um ihn mit der Erinnerung zu konfrontieren. Spanische Verfolger sind ihnen dicht auf den Fersen. Jugendfreund Adoni berichtet von seiner gemeinsamen Zeit mit Goio in den 1970er Jahren, als sie im baskischen Fischerort Kalaportu in die gleiche Schulklasse gingen, im Unterricht kein Baskisch reden durften und Gefechte zwischen Guardia Civil und ETA-AktivistInnen mit ansahen. Ein ungenannter Erzähler schließlich schildert Goio, wie er sich auf eine Forschungsreise in die Antarktis begibt, um einen Todkranken zu pflegen. Bei der Rettung von ihrem eingefrorenen Schiff verliert er seine Ausweispapiere.

Gemeinsam ist allen drei, dass sie „illegal“ sind – ein Schicksal welches sie mit etwa 2.000 BaskInnen teilen, die das zum Teil seit 25 Jahren betrifft. Sprachlich elegant und eindringlich beschreibt der Autor die Verzweifelung, Frustration und Ohnmacht der Exil-BaskInnen.

Der Schriftsteller Joseba Sarrionandia weiß, wovon er schreibt: Als ETA-Mitglied wurde er 1980 zu lebenslanger Haft verurteilt. 1985 gelang ihm auf spektakuläre Weise die Flucht aus dem Gefängnis. Als Tontechniker verkleidet trug ihn der spätere ETA-Führer Mikel Albizu nach einem Konzert in einer Lautsprecherbox versteckt aus der Haftanstalt. Seitdem lebt Sarrionandia im Untergrund und schreibt. Für seinen Roman mit dem Originaltitel Lagun Izoztua erhielt er 2001 den Preis der spanischen Literaturkritik und ist inzwischen der populärste baskische Schriftsteller. Hierzulande blieb er bislang unbekannt, was sich jetzt ändern dürfte.
Der Autor Raul Zelik und die Übersetzerin Petra Elser haben den Roman ins Deutsche übertragen und dabei ganze Arbeit geleistet. Ein facettenreiches Buch – wegen seines Inhaltes wie wegen seiner Entstehungsgeschichte.

 

Joseba Sarrionandia: Der gefrorene Mann

Aus dem Baskischen von Petra Elser und Raul Zelik.
Blumenbar 2007, 430 S., 22 Euro.

 

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