Alltägliches Leid

Autor_in: 
Christian Schröder

Wie in einem Krimi steht am Anfang ein Mord, wenn auch ein Selbstmord. Die französische Gendarmerie fischt Paula Trousseau aus der Loire. Ihr alter Schulfreund Sebastian Gliese erfährt davon und erhält ihre Lebensaufzeichnungen. Daraus und aus Sebastians Erinnerungen formt sich Paulas Biografie.

Paula wächst in der Nähe von Leipzig auf. Ihr Vater ist Schuldirektor und ein Tyrann. Ihr erster Mann Hans auch. Mit ihm hofft sie dem autoritären Elternhaus zu entfliehen. Gegen alle Widerstände schafft es Paula auf die Kunsthochschule Weißensee in Ost-Berlin, obwohl Hans sie heimlich geschwängert hat, um sie an Haus, Herd und Kind zu binden. Der Preis für ihre Emanzipation ist hoch: Bei der Scheidung muss sie ihr Kind abgeben. Aber das spielt keine große Rolle mehr, sie will malen, sonst nichts.

Paula ist eine attraktive Frau. Die Männer stehen Schlange: Nach dem Archi­tek­ten Hans kommt der Professor Fred, dann der Schauspieler Jan und schließlich der Restaurator Heinrich. Glücklich ist sie mit keinem. Auch nicht in ihren les­bischen Beziehungen zu Kathi und Sibylle. Aber Glück ist auch kein Wort, mit dem sich Paulas Leben beschreiben lässt. Die Malerin hat Talent, aber ihr Stil ist zu abstrakt für die DDR. Sie schlägt sich mit Klein­auf­trä­gen am Rande des Künstler­betriebs der DDR durch – bis zum Mauer­fall. Dabei lässt ihr Kampf um Aner­ken­nung und Selbst­behauptung Paula zu­nehmend gefühlskälter und ego­zen­trischer werden. Nach der Wende brechen ihre alten Kontakte weg, das Kunst­ge­schehen gehorcht anderen Regeln, sie findet keinen An­schluss mehr und bringt sich um.

Der Ton des Autors, der sich selbst als Chronisten bezeichnet, ist wie immer nüchtern und protokollierend. Doch die angenehme Kühle und alltägliche Misere, die Heins Werk durchzieht, wirkt diesmal übertrieben, gar langweilig. Wer will schon über 500 Seiten eine zutiefst deprimierende Leidensgeschichte ohne jeglichen Spannungsbogen lesen?

Man könnte Christoph Hein unterstellen, er habe Schwierigkeiten mit einer weiblichen Hauptfigur. Frauen sind sonst keine zentralen Charaktere in seinem Werk. Paula wirkt eindimensional, zu glatt, entfremdet. Dabei erinnert Paula stark an die ähnlich leidende Frauenfigur aus seinem ersten großen Erfolg Der fremde Freund (1982), der im Westen als Drachenblut (1983) erschien. Damals ist es ihm grandios geglückt, diesmal nicht.

 

Christoph Hein:

Frau Paula Trousseau

Suhrkamp | Frankfurt am Main | 2007
537 Seiten | 22,80 EUR

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