Alle zu Gast bei Freunden? Homophobie im Fußball

 
Autor_in: 
Tanja Walther

kick off

Fußball ist in Deutschland die beliebteste Teamsportart. Die Zuschauerzahlen im Profifußball steigen und zeigen, welch hohe Akzeptanz Fußball genießt. Fußball wird als „Event“ vermarktet und auch erfolgreich verkauft. Seit Beginn des WM-Jahres gibt es kaum noch ein wichtigeres Thema als Fußball, ob wir wollen oder nicht.

you run like a girl
Gender und Homophobie

Fußball ist ein Reservat für überkommene Männlichkeitsvorstellungen. Fußball ist der letzte Ort, an dem „wahre Männlichkeit“ gelebt werden kann, sowohl auf dem Feld, als auch in den Fankurven. Frauen sind als Spielerinnen, als Fans, Vorstandsfrauen und Journalistinnen die Ausnahme. Die Unterteilung in Fußball und Frauen-Fußball verdeutlicht, dass Männer den „richtigen“ und „wahren“ Fußball betreiben oder wie es Boris Becker Ende der 80ger Jahre in einem Interview über Steffi Graf verlauten ließ: „Sie spielt Damen-Tennis, ich spiele Tennis“.
In der Männerdomäne Fußball wird das Zeigen von „weiblichen“ Wesensarten als Schwäche gedeutet. Weiblich codierte Facetten sind nicht willkommen, werden abgewertet und ausgegrenzt, was in Sexismus und Homophobie mündet. Schlechte Spieler werden als „Mädchen“ oder „Schwuchtel“ bezeichnet. Fußballspielende Frauen sind „Mannweiber“ oder „Lesben“, wobei hier Lesbe gleichbedeutend ist mit unattraktiv und „männlich“.
Die Kulturwissenschaftlerin Almut Sülze stellt fest, dass sich trotz der Resis­tenz gegenüber Veränderungen der Geschlechter­grenzen neue Tendenzen im Fußball entdecken lassen: Die männerbewegte Linke und die Schwulenbewegung setzen die Ablehnung von dominanten Männlichkeits­mustern nicht mehr synonym mit der Ab­lehnung von Fußball; immer mehr Frauen schauen sich laut einer Emnid-Umfrage wichtige Spiele des Nationalteams im Fern­sehen an, so dass das Interesse an Fu߭ball nicht mehr exklusiv männlich ist; Fußball soll aus Vermarktungsgründen ein Familienereignis werden und ein zahlungskräftiges Eventpublikum anziehen, dadurch werden immer mehr Frauen als Zuschauerinnen angesprochen und wahrgenommen.
Es scheint, als kenne der Fußball nur noch ein letztes Tabu: Homosexualität.
In westlichen mitteleuropäischen Ländern ist es angeblich egal, wer mit wem schläft und lebt. Statistisch betrachtet sind 5-10% der Bevölkerung bi- oder homosexuell. In den letzten Jahrzehnten hat sich gesamtgesellschaftlich einiges für Lesben und Schwule getan: Sie sind mehr in der Öffentlichkeit wahrzunehmen; es wurden ihnen in vielen westeuropäischen Ländern Rechte eingeräumt; sie sind zur Prime Time im Fernsehen zu sehen, arbeiten bei der Bundeswehr und der Polizei und es gibt immer öfter prominente Coming Outs in Politik, Kultur und Kunst.
Nur im alles verbindenden, über Grenzen vereinigenden, niemals diskriminieren­den Sport sind Homosexuelle nicht zu finden bzw. nicht erwünscht. Sport im Allgemeinen und Fußball im Besonderen ist in diesem Punkt absolut fortschrittsresistent. Die Fußballwelt demonstriert somit eindrucksvoll, dass sie einer der konservativsten Bereiche unserer Gesellschaft ist. Fußball als Arbeitersport wurde jahrzehntelang von Männern und deren Sichtweisen dominiert, andere Lebensweisen finden keinen Platz. Die Berührungsängste von heterosexuellen Männern mit Schwulen sind sehr groß, und da ist besonders fatal, dass Fußball durch Klammern, Decken und Festhalten eine der berührungsintensivsten Sportarten ist. Nach einem Torerfolg wird umarmt und geherzt, aber nur solange kein Spieler den Körperkontakt zu Männern auch im Privatleben sucht. Alles Fremde löst Ängste aus, und allem Fremden wird besonders aggressiv und intolerant begegnet.
Stereotype sind allgegenwärtig und fungieren als Exklusionsmechanismen für Schwule und Lesben. Stereotype Vorstellungen und Homophobie sind auf allen Ebenen des Sports zu finden, bei SpielerInnen, TrainerInnen, Schieds­richter­Innen, Vereinen, Verbänden und Fans.
Es gibt nur wenige, die sich trauen ihre sexuelle Orientierung öffentlich zu machen. Aber es gibt sie, die lesbischen, schwulen und bisexuellen SpitzensportlerInnen wie Martina Navratilova (Tennis), Greg Louganis (Schwimmen), Amelie Maurismo (Tennis), Judith Arndt (Radsport) oder Mark Tewksbury (Schwimmen). Auch im Breitensport finden sich, wie Beatrice Calmbach 2001 in einer Schweizer Studie feststellte, Lesben und Schwule, wobei dort lediglich 3% offen zu ihrer Lebensweise stehen und 64% nur gegenüber engen VereinsfreundInnen ihr Coming Out hatten.
Das Schweigen der Fans, der SpielerIn­nen und TrainerInnen, der Vereine und Verbände oder die Verneinung und Unsichtbarkeit von Homosexualität im Sport sind gravierende Ausdrucksformen von Homophobie. Das Ausklammern von Homosexualität bewahrt Schwule und Lesben vor Diskriminierungs­erfahrungen, aber leider nur so lange, wie sie ihre Homosexualität nicht thematisieren. Es kommt zum „Gefangenen-Dilemma“: Homosexuelle werden nur diskriminiert, wenn sie sich outen, aber sie outen sich nicht aus Angst vor Diskriminierung. Nur 3% der von Calmbach befragten TrainerInnen und Offiziellen aus dem Breitensportbereich nehmen Homophobie in ihren Vereinen wahr; 22% glauben, dass es Lesben und Schwule in ihrem Verein gibt und 83% sagen, dass Homosexualität im Verein nie ein Thema war.

it’s a men’s world
Männer-Fußball

Es gibt in Europa offiziell keine schwulen Fußballer. Fußball ist angeblich eine schwulenfreie Zone. Es kann gar keine Schwulen im Fußball geben, weil Schwule nicht Fußball spielen können. Schwule sind Balletttänzer, aber keine Fußballer.
Es gibt zwei Ansätze, die versuchen, das Nichtvorhandensein von schwulen Männern im Fußballsport zu erklären:
Im Querschnittsphänomen Fußball treffen Angehörige unterschiedlichster Ge­sellschaftsschichten aufeinander. Dementsprechend müsste es dort genauso viele schwule Fußballer wie schwule Lehrer, Bauarbeiter und Künstler geben. In jeder europäischen Profiliga müssten also ein bis zwei Teams mit schwulen Spielern zu füllen sein. Diese Spieler leben jedoch ein absurdes Doppelleben zwischen dem Machosport Fußball und den eigenen Bedürfnissen. Sie verstecken ihre Homosexualität und sind umgeben von ständiger Angst vor Entdeckung, Veröffentlichung und Zwangs-Outing.
Der zweite Erklärungsversuch zur Abwesenheit von Schwulen im Fußball geht davon aus, dass Schwule durch die Art und Strukturen des Fußballs frühzeitig selektiert werden. Sie kommen aufgrund des Systems gar nicht in die Profiligen, da sie zu wenig kompatibel sind. Das System Fußball mit seiner Abneigung gegenüber anderen sexuellen Orientierungen sortiert bzw. diskriminiert sie aus.
Das einzige Coming-Out eines Profi­fußballers gab es 1990. Der Engländer Justin Fashanu verkaufte seine Geschichte an die englische Zeitung SUN. Verletzungsbedingt war er als Profi nur noch zweite Wahl und versuchte so zu Geld zu kommen. 1998 brachte er sich um. Ob Diskriminierung aufgrund seiner Homosexualität diesen Suizid provozierte oder ob Fashanu verhindern wollte, dass eine Straftat bekannt wurde, konnte nicht mehr geklärt werden.
In Deutschland versteckte Heinz Bonn, in den 70er Jahren ein hoffnungsvolles Talent beim Hamburger SV, seine Homosexualität. Nach mehreren Verletzungen scheiterte sein Comeback 1973. Alkohol war der einzige Trost nach dem Ende seiner Karriere und gegen die Angst vor Entdeckungen. Bonn wurde 1991 von einem Stricher ermordet.

kick it like the girls
Frauen-Fußball

Der Fußball und die Frauen hatten es nie leicht miteinander. Schon in den 1920er Jahren entdeckten Frauen dieses Spiel. Von Anfang an waren es jedoch zahlreiche Männer, die sich ihnen in den Weg stellten. Es wurde damit argumentiert, dass ein so kampf- und körperbetontes Spiel wie Fußball nichts für das zarte Wesen der Frau sei. Fußballspielen gilt als Teil „männlicher Sozialisation“. Mädchen und Frauen gehören nicht auf den Sportplatz. In Deutschland war Fußball für Frauen sogar bis 1970 verboten.
Inzwischen ist der Fußball der Frauen für viele attraktiv. Hier wird weniger restriktiv mit Homosexualität umgegangen. Es ist ein offenes Geheimnis, dass viele Fußballerinnen, auch in den höheren Klassen und in Nationalteams, lesbisch sind. Lesbische Frauen werden jedoch häufig nur als Sportlerinnen gesehen und nicht in ihrer ganzen Persönlichkeit wahrgenommen.
Zahlreiche Untersuchungen belegen, dass in Europa Sportlerinnen die meisten Diskriminierungen im Fußball erfahren. Eine Vielzahl von Diskriminierungen treffen Lesben, weil sie Frauen sind. Sexismus gibt es in vielfältiger Form, er reicht von sexualisierten Beleidigungen und Anmachen bis hin zum Absprechen von Kompetenz und Können. Auf den Sexismus folgt sofort die Homophobie, denn wer eine Männersportart ausübt, muskulös aussieht und sich kraftvoll bewegt, kann den gängigen Vorstellungen nach keine „richtige Frau“ sein.
Die neuen kommerziellen Entwicklungen im Frauenfußball sind aus Frauensicht sehr ambivalent zu sehen. Frauenfußball erfährt heute mehr Aufmerksamkeit und die Teams haben höhere Etats, damit verbunden ist jedoch eine Steigerung der Weiblichkeitsanforderungen: kürzere Hosen, taillierte Trikots, lange Haare etc.. Hinzu kommt, dass, ungeachtet der neuesten Entwicklungen, Frauen-Fußball nie so im Medieninteresse stehen wird wie der Männer-Fußball. Trotz publikumswirksamer Europa- oder Weltmeisterschaften sinkt das öffentliche Interesse leider immer wieder schnell. Frauen im Fußball fehlt das gesellschaftliche Forum. Es interessiert die Öffentlichkeit daher nicht, ob sie lesbisch sind oder nicht. Einige Spielerinnen leben offen lesbisch, sie werden jedoch nicht auf ihre Homosexualität angesprochen.
Beeindruckend ist die hohe Zahl der lesbischen Fußballerinnen bei schwul-lesbischen Sportveranstaltungen. Hier treten regelmäßig drei- bis viermal mehr Frauen gegen den Ball als Männer. Besonders erstaunlich ist diese Tatsache aufgrund der Unterrepräsentanz von Frauen im Sport generell und ganz besonders im Fußball.

you don’t have to play it straight
Vereine/Verbände

Es wäre ideal, das Thema Homosexualität auszusparen, weil Homosexuelle auf allen Ebenen des Sports selbstverständlich sind. Aber leider wird es ausgespart, weil niemand das Thema aufgreifen will, da es ein zu heißes Eisen ist. Selbstverständlichkeit im Umgang mit Homosexualität kann nur erreicht werden, wenn sie zunächst thematisiert wird. Solange Vereine und Verbände das Thema Homosexualität nicht ansprechen, werden sich nur die in den 80er Jahren entstandenen schwul-lesbischen Sportvereine gegen Homophobie im Sport einsetzen. Neben dem sportlichen Aspekt spielen in „Homovereinen“ auch (sport-) politische Ziele und der Kampf für Anerkennung und Toleranz von „queeren“ Lebensformen eine wichtige Rolle. Fußball gehört zum Angebot dieser Vereine wie alle anderen Sportarten auch.
Europaweit gibt es schwul-lesbische Vereine, in denen Schwule, Lesben, Bi- und Transsexuelle sowie manche/r Hetero­sexuelle gemeinsam Sport treiben und gleichzeitig gegen Diskriminierungen kämpfen. Wichtige Instrumente zur Förderung der Integration und Emanzipation von Lesben und Schwulen im Sport sind internationale Sportveranstaltungen wie z.B. die EuroGames, Outgames und Gay Games.
Zu diesen Veranstaltungen treffen sich Menschen aus aller Welt. Die Gay Games beispielsweise fanden 1998 erstmals in Europa statt. In Amsterdam trafen sich ca. 15.000 SportlerInnen in 30 Sportarten aus 88 Ländern. Das Fußballturnier wurde von 86 Teams aus 14 Ländern bestritten. Seit 1995 gibt es sogar einen schwul-lesbischen Fußballverband mit der schwul-lesbischen Fußballweltmeisterschaft. Bei all diesen Veranstaltungen sind die Wettkämpfe ebenso wichtig wie die Atmosphäre. Dabei sein ist alles!
Vorfälle am Rande können die einzigartige Stimmung nicht trüben. Beispielhaft eine kleine Anekdote von den EuroGames 1995 in Frankfurt: Der DFB ermahnte seine Nationalspielerinnen, bei diesem Sportfest nicht teilzunehmen, da ansonsten internationale Einsätze nicht mehr garantiert werden könnten.

queer as folk

Fußball ist nicht nur auf dem Spiel­feld eine heterosexuelle Herrenwelt. Ausnahmen von dieser Regel werden von der Presse mit viel Aufmerksamkeit begleitet, wie beispielsweise in Hamburg: Corny Littmann wurde als schwule Kiez-Größe zum Präsidenten des FC St. Pauli gewählt. Zu seinem Amtsantritt glaubte die Presse, dass St. Pauli keinen Tuntenpräsidenten bräuchte. Überzeugt durch die Arbeit Littmanns schwieg die Presse schnell.
Weitere Ausnahmen finden sich auf den Rängen: Seit Ende der 1990er Jahre gründen sich schwul-lesbische Fanklubs. Es sind immer mehr Regenbogenfahnen mit Vereinslogos auf den Rängen zu sehen. Inzwischen gibt es schwul-lesbische Fanklubs in Berlin (Hertha Junxx), Dortmund (Rainbow Borussen), Dresden (Dynamo-Junxx), Hamburg (Queerpass St. Pauli), Karlsruhe (Wildpark-Junxx Karlsruhe) und Stuttgart (Stuttgarter Junxx).
Ganz besonders wichtig sind diese Fanklubs, weil es in den Augen vieler Fans keine Diskriminierung oder gar Homophobie ist, einen Spieler oder einen gegnerischen Fan als „schwul“ zu bezeichnen, sondern lediglich deren Abwertung. Schwulenfeindlichkeit oder Sexismus werden häufig als Teil der kulturellen Logik des Fußballspiels verstanden. Rassistische, sexistische oder homophobe Verhaltensweisen werden als Provokation, Beleidigung oder Erniedrigung des Gegners oder des gegnerischen Fanblocks eingesetzt, und dienen der Erlangung des Sieges.

football is going homo?!

Dies alles ergibt ein sehr ambivalen­tes Bild. Auf der einen Seite ist der Mi­kro­kosmos Fußball immer noch die Männer­welt, die er schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts war; auf der anderen Seite ist Fußball Popkultur, in der Fußballer mit Mode und Androgynität spielen. Ein Klima der Liberalisierung und Enttabuisierung ist nicht durchgehend zu erkennen. Es scheint, als könnte ein Coming-Out den Männerkosmos Fußball fundamental erschüttern. Homosexualität wird weiterhin tabuisiert und als Provokation empfunden.
Ein Coming-Out eines noch aktiven oder ehemaligen Spitzenspielers wäre ein Zeichen dafür, dass auch der Fußball im 21. Jahrhundert angekommen ist. Bis es soweit ist, gibt es andere Wege hin zu Liberalisierung und Enttabuisierung. Durch den Abbau des eingefahrenen Männerbundes zugunsten einer neuen Solidarität, kann sowohl auf dem Platz als auch in den Fankurven eine Atmosphäre geschaffen werden, in der unterschiedlichste Lebensweisen jedem und jeder selbst überlassen sind, ohne mit den eventuell unliebsamen Konsequenzen alleine gelassen zu werden. Oder WM tauglich formuliert: Homosexuelle zu Gast bei Freunden!


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Tanja Walther ist Sportwissenschaftlerin, ehemalige Spielerin von Turbine Potsdam und engagiert sich beim Frauen/Lesbensportverein Seitenwechsel sowie der European Gay & Lesbian Sport Federation (EGLSF) für die Belange von Lesben und Schwulen im Sport.

Die Bilder stammen von den Eurogames 2005 & 2006.

 

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