Abhängigkeit ist kein Schicksal

 
Autor_in: 
Steffen Vogel
Matthias Dell

Der Gewerkschafter Tiècoura Traoré über die desaströse Privatisierung der Bahn in Mali, sein unverhofftes Debüt als Schauspieler und die Chancen solidarischer Ökonomie in Afrika

Herr Traoré, Sie sind als Gast des globalisierungskritischen Filmfestivals „Globale“ in Berlin(*). Welchen Film stellen Sie vor?

Tiècoura Traoré: Ich bin hier mit zwei Filmen: Bamako von Regisseur Abderrahmane Sis­sako verhandelt anhand eines fiktiven Tri­bu­nals, welche Konsequenzen die Politik der mächtigen Institutionen des Nordens für die ArbeiterInnen des Südens hat. Ich spiele die männliche Hauptrolle, und gedreht wurde im Hof des Hauses von Sissakos Vater.

Sie sind aber kein Schauspieler.

Nein, ich bin Eisenbahningenieur und habe mit Kino oder Schauspiel nie etwas zu tun gehabt, abgesehen von den kleinen Sketchen, die wir früher im Studierendentheater aufgeführt haben. Sissako hat gesagt: Mach dir keine Sorgen, ich habe schon oft mit Laien gearbeitet. Du kannst die Rolle eines Arbeitslosen besser spielen als ein professioneller Schauspieler, weil du diese Dinge durchlebt hast. Das Vertrauen und die Atmosphäre, die dadurch entstanden ist, haben mich überzeugt.

Wie kam es zur Zusammenarbeit?

Das ist eine lange Geschichte. Ich kannte Sissako nicht persönlich, hatte aber mit seinem älteren Bruder in Leningrad, dem heutigen St. Petersburg, studiert. Vor Beginn der Dreharbeiten suchte das Team noch Stoff für das fiktive Tribunal. Sie sind an Cocidirail herangetreten, ein BürgerInnenkollektiv, das ich mitgegründet habe und das sich für die Wiederverstaat­lichung und Demo­kratisierung der Eisenbahn einsetzt. Ich habe ein Interview vor laufender Ka­mera gegeben, ohne zu wissen, dass es sich um ein Casting handelte. Zwei Wochen vor Drehbeginn hat mich Sissako dann gefragt.

Und der zweite Film?

Er heißt Rendez-vous manqué (Verpasstes Treffen) und erzählt die katastrophale Geschichte der Privatisierung der Eisenbahn in Mali. Sie wurde am 1. Oktober 2003 beschlossen, ohne dass wir ArbeiterInnen vorher davon wussten. Eine Aktiengesellschaft namens Transrail übernahm, was eigentlich zum nationalen Eigentum Malis gehört, obwohl es in der Verfassung kein Gesetz gibt, das diesen Vorgang autorisiert. Die Besitzverhältnisse bei Transrail haben seitdem häufiger gewechselt. Statt wie versprochen in Strecke und Ausstattung zu investieren, hat das Unternehmen den Betrieb eingestellt, wo er nicht rentabel erschien. Mit desaströsen Folgen, denn entlang der Eisenbahn hatte sich über die hundert Jahre ihres Bestehens ein Gefüge aus wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Beziehungen entwickelt. Das ist zerschlagen worden. Leute, die früher an der Strecke Lebensmittel und andere Waren verkauft haben, stehen vor dem Nichts. Zudem sind über 600 BahnarbeiterInnen ohne Angabe von Gründen entlassen worden, auch ich, obwohl ich als Gewerkschafter eigentlich unkündbar sein sollte.

Sie haben dagegen protestiert.

Ich habe gegen meine Entlassung Klage eingereicht, wir haben Aktionen organisiert und versucht, Öffentlichkeit herzustellen. Wir sind mit einer NGO in Niger in Kontakt gekommen, haben den Regisseur Saidou Arji kennen gelernt, der spontan einen Film darüber machen wollte. Es gibt Hunderte Regisseure in Mali, von denen ist keiner auf diese Idee gekommen. Schon früh haben wir uns an den Präsidenten Malis und an die Nationalversammlung gewandt. Bis heute gab es keine Antwort. Das ist ein Stil, der mich mit Verachtung erfüllt.

Vor kurzem gab es Präsidentenwahlen. Verbindet sich damit die Hoffnung auf eine Wiederverstaatlichung der Bahn?

Amtsinhaber Amadou Toumani Touré ist wiedergewählt worden. Er hat die Misere verschuldet und übrigens vor Jahren versprochen, die Bahn nicht zu privatisieren. Die Verantwortlichen bei Transrail scheren sich meist keinen Deut um das Land, in dem sie sich befinden. Das Unternehmen hält sich – wie unlängst bei einer Überprüfung in Paris festgestellt wurde – noch nicht einmal an die ohnehin problematische Konzessionsvereinbarung. Und die Regierung belohnt das miserable Management, indem sie mit Steuergeldern und Krediten Loks und Wagen kauft.

Auf welche Resonanz stößt Ihr Protest?

Viele Menschen sehen den Kapitalismus als westlichen Import, bei uns hat das kommunitäre Arbeiten und Leben eine lange Tradition. Traditionell gehört etwa Ackerland nicht einem Einzelnen, sondern der Gemeinschaft. Jeder darf einen Teil bewirtschaften, aber niemand sagt: „Das ist meins“. Wir können nicht einfach ein individualistisches Modell von außen übernehmen, sondern müssen eine solidarische Ökonomie entwickeln, die auf unseren lokalen Ressourcen basiert.

Wie kann das praktisch aussehen?

Mali liegt in der Sahelzone, wo es sehr heiß und trocken ist. Die Sonne scheint fast das ganze Jahr, und diese Ressource nutzen wir bislang nicht. Dabei wären Solarenergie und Biomasse sehr interessant für uns. Denn obwohl unsere Vegetation schon sehr ausgedünnt ist, kochen wir noch immer mit Holzkohle. Warum sollte man den Herd nicht mit Solarenergie betreiben?

Existiert diese Technik in Mali derzeit nicht?

Doch, aber es gibt wenige Anstrengungen, sie zu verbreiten. Niemand bei uns kann den Kaufpreis für eine solche Anlage, etwa 38 Euro, auf einmal aufbringen. Das ist mehr, als viele für zwei Monate zur Verfügung haben. Wenn Ratenzahlungen, über ein Jahr vielleicht, möglich wären, besäßen schon viel mehr Menschen Solarherde. Das verstehen wir unter integrierter Entwicklung: Man stützt sich auf die Ressourcen, die vorhanden sind und nutzt sie schonend, um Umweltverschmutzungen zu vermeiden.

Wieso fördert der Staat das nicht?

Der Staat dient anderen Interessen. Wer sich der Entwicklung seines Landes verpflichtet fühlt, verkauft keine Eisenbahnen, privatisiert nicht alles, was strategisch wichtig ist, um seine Souveränität zu bewahren. Die Bevölkerung kennt oft keine besseren Beispiele. Zudem greifen diese alten Reflexe der SklavInnen gegenüber ihren Herren, des unterworfenen Subjekts gegenüber dem Souverän – so werden in einer Republik feudale Verhältnisse reproduziert. Das lässt unseren Regierenden die Freiheit, alle möglichen Dummheiten zu machen.

Der Staat handelt, als wäre er nicht wirklich unabhängig.

Ja, das ist eine Tragödie. Aber sobald die Bevölkerung energisch ihre Interessen vertritt, verhalten sich die Regierenden anders. Wir dürfen nicht darauf warten, dass irgendwann ein Mensch auftaucht und als Präsident alles anders macht. Das Programm eines einzelnen Mannes oder einer einzelnen Frau kann nicht die Entwicklung eines ganzen Landes vorantreiben. Diese Vorstellung hat nichts mit Demokratie zu tun, sie ist beleidigend. Leider leben wir in einer Welt, wo man sich beschwert, aber in seiner Opferrolle verharrt.

Wie groß ist die Bereitschaft, für eigene Interessen zu kämpfen?

Bei uns wird sich die Atomisierung der Gesellschaft nicht vollständig durchsetzen können. Öffentlichkeit beginnt in der Familie – und wir reden nicht von Kernfamilien, sondern von etwas, was Sie als Clan bezeichnen würden. Man ist es gewohnt, im Dorf die Dinge gemeinsam zu diskutieren. Zudem besteht eine große Skepsis gegenüber TechnokratInnen, die dem Land bestimmte Modelle überstülpen wollen. Bei uns stehen die Chancen für eine solidarische Ökonomie viel besser als für eine private, individualistische Ökonomie.

Angesichts des hohen Analphabetismus in Mali – wie können Sie Informationen verbreiten?

Wir pflegen die direkte Kommunikation. Unter den Medien spielen Filme eine große Rolle, deshalb ist es wichtig, sie in lokale Sprachen zu synchronisieren. Damit Menschen etwas verstehen, muss man sie emotional berühren. Überdies bestehen in Mali etwa 150 kleinere Radiostationen. Wir produzieren Audio-Kassetten und geben sie den Radios, die sie für uns ausstrahlen. Für die Menschen, die lesen können, produzieren wir Zeitungen.

Inwiefern haben die Filme geholfen, die Leute zu erreichen?

Kino in Mali ist eine VIP-Veranstaltung, ein Ticket für Bamako – der in einem Kino in der Hauptstadt drei Wochen vor vollem Haus gezeigt wurde – kostet zwischen 2,50 und 4 Euro. Das ist für viele Menschen zu teuer. Außerdem sind viele Kinos, wenn sie nicht schon zu Büros oder Markthallen umgewidmet wurden, schlecht ausgestattet und können moderne Filme nicht abspielen. Wir haben deswegen einen Ciné-Club initiiert, ein ambulantes Kino, mit dem wir zu den Leuten fahren. Wir zeigen auch andere Filme, etwa Ken Loachs The Navigators über die Privatisierung der britischen Bahn. Damit wollen wir deutlich machen, der Mechanismus von Markt und Kapital ist international. Im April ist Rendez-vous manqué auf DVD erschienen, jetzt wird er häufiger auf kleinen Leinwänden zu sehen sein. Bamako läuft besser, weil er synchronisiert und damit auch für MalierInnen verständlich ist, die kein Französisch können.

Tiècoura Traoré

Tiècoura Traoré wurde 1954 als Sohn eines Eisenbahners in Thiès im heutigen Senegal geboren. Seit 1970 in Malis Hauptstadt Bamako ,arbeitete er ab 1975 als Wartungstechniker bei der Bahn. Von 1977 bis 1983 studierte Traoré Eisenbahnentwicklung in Leningrad, wo er von 1987 bis 1991 promovierte. Danach wurde er stellvertretender Direktor bei der Bahn in Kayes (Mali) und lehrte an der Eisenbahnhochschule in Brazzaville (Republik Kongo), bis der Bürgerkrieg eskalierte.

 

Das Interview führten Matthias Dell und Steffen Vogel.

 

(*) Die siebte „Globale“ fand vom 9. bis zum 16. Mai in Berlin statt. Das von uns leicht gekürzte Interview erschien zuerst in der Wochenzeitung Freitag (Nr. 20, 18. Mai 2007; www.freitag.de). Wir bedanken uns für die Nachdruckgenehmigung.

  

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