50 Jahre Ölförderung, 17 Jahre Protest

Autor_in: 
Bettina Engels

Die Protestbewegungen im Nigerdelta zwischen ethnischer Exklusivität, Anpassung an die internationale NGO-Szene, bewaffneter Gewalt und Kooptierung durch Shell, die Weltbank und die Entwicklungsagenturen.

Nach Nelson Mandela ist Ken Saro-Wiwa vielleicht der international bekannteste politische Aktivist Afrikas. Er bringt in der ersten Hälfte der 1990er Jahre die katastro­phalen Lebensbedingungen der Menschen im ölreichen Nigerdelta in die internationale Presse und auf die Agenda von NGOs wie amnesty international, Greenpeace und Friends of the Earth.

Das ist zwischen 1993 und 1995. Nach der Hinrichtung Saro-Wiwas im November 1995 erlischt das Interesse der NGOs und Solibewegungen sukzessive. Zwar hat sich die Lage in den Ölfördergebieten im Süden Nigerias kaum verbessert, Umweltzerstörung und schwere Menschenrechtsverletzungen prägen nach wie vor den Alltag der rund zehn Millionen EinwohnerInnen der Nigerdelta-Region. Trotzdem berichtet auch die kritischere Presse hierzulande kaum noch über soziale Bewegungen und Massenproteste im Delta oder über die Verbindungen zwischen den multinationalen Ölkonzernen, den Sicherheitskräften und korrupten Staatseliten. Dafür hat fast jede größere deutsche Zeitung anlässlich der erneuten Entführungen ausländischer Mitarbeiter der Ölmultis im Winter 2005/06 Reportagen über Milizen und „Warlords“ im Nigerdelta gebracht.

Ogoni-Proteste Anfang der 1990er Jahre

1990 ist ein wichtiges Jahr in der Geschichte der Nigerdelta-Proteste. Im August wird die Ogoni Bill of Rights von fünf der sechs Ogoni-Kingdoms unterzeichnet. Sie fordert die Kontrolle über die natürlichen Ressourcen und umfassende Minderheitenrechte für die etwa eine halbe Million Menschen umfassende „ethnische Gruppe“ der Ogoni im Bundesstaat Rivers. Im Oktober wird das Movement for the Survival of the Ogoni People (MOSOP) gegründet, ein Dachverband politischer, religiöser und kultureller Ogoni-Gruppen. Zeitgleich kommt es zu den ersten größeren Zusammenstößen zwischen Youth Groups1 und Shell, dem führenden Ölkonzern im Nigerdelta. Der Konzern ruft die Armee des damaligen Militärregimes zu Hilfe, und es beginnt eine jahrelange Phase blutiger Niederschlagungen von Protesten durch das Militär, von Shell finanziell und mit Waffen unterstützt.

Ihren Höhepunkt erreicht sie im November 1995 mit der Hinrichtung von neun führenden MOSOP-Aktivisten durch das Regime des damaligen Diktators Sani Abacha, unter ihnen der Vorsitzende der Bewegung, Ken Saro-Wiwa, der als Autor und Aktivist innerhalb von nicht einmal drei Jahren internationale Prominenz erreicht hat (siehe Kasten).

Saro-Wiwa, von den internationalen NGOs als Menschenrechts- und Umweltaktivist gefeiert, ist in Nigeria und auch in den eigenen Reihen nicht unumstritten. Seine GegnerInnen innerhalb von MOSOP werfen ihm vor, vor allem seine persönlichen politischen Karriereambitionen zu verfolgen und dazu die Jugendorganisation National Youth Council of the Ogoni People als Privatarmee zu missbrauchen. Trotzdem hat MOSOP seine internationale Popularität und Unterstützung vor allem Saro-Wiwa zu verdanken.

Öko-Diskurs statt ethnischer Autonomie

In den ersten Monaten nach seiner Grün­dung wendet sich MOSOP mit seinen Protesten und auf der Suche nach Unter­stützung vor allem an die nigerianische Bevölkerung, allerdings mit wenig Erfolg. Daraufhin sucht die Organisation die Unter­stützung internationaler NGOs. Die erreicht sie erst mit einem Strategiewech­sel 1993: International tritt MOSOP nicht mehr als ethnische Autonomiebewegung auf, sondern betont ökologische Forderungen, grundlegende Menschenrechte und das Prinzip der Gewaltfreiheit.

MOSOP bleibt eine ethnisch exklusive Bewegung wie die meisten der Pro­testbewegungen im Nigerdelta. Sie bean­spruchen die Kontrolle über die Ölvor­kommen und die Gewinne daraus nicht für alle NigerianerInnen oder für alle EinwohnerInnen des Nigerdeltas, sondern auf ihren „angestammten“ Siedlungsgebieten exklusiv für „ihre Ethnie“. MOSOP und Saro-Wiwa fordern die Gründung ethnisch homogener Staaten genauso wie etwa der 1998 gegründete Ijaw Youth Council, der Dachverband ethnischer Ijaw Youth Groups. Er nimmt für sich in Anspruch, die etwa 13 Millionen Men­schen umfassende „ethni­sche Gruppe“ der Ijaw zu ver­treten. Dass MOSOP dagegen auf der internationalen NGO-Büh­ne so erfolgreich ist, liegt zum einen in der Persönlichkeit des international gewandten Saro-Wiwa begründet, vor allem aber daran, wie die Organisation, die 1994 den Alternativen Nobelpreis bekommt, sich in den internationalen Ökologie- und Menschenrechtsdiskurs eingefügt.

Nach dem Tod Saro-Wiwas geht die Unterstützung für die Proteste im Delta in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre zurück. Schlagzeilen macht die Region erst ab 1999 wieder. Bei bewaffneten Kämpfen zwischen Youth Groups und (para)staatlichen Sicherheitskräften, zunehmend auch zwischen den Youth Groups untereinander, sterben seitdem Tausende von Menschen, ganze Dörfer werden niedergebrannt und die BewohnerInnen zur Flucht gezwungen.

Besonderes Interesse der Medien wecken die zunehmenden Entführungen von ausländischem Personal der Ölkonzerne. Aufgrund von Angriffen aller Art drosselt Shell im Jahr 2000 seine Ölförderung im Nigerdelta um ein Drittel. Die Entwicklungs­soziologin Anna Zalik von der York University in Toronto vermutet, dass die Ölkonzerne gegen ein gewisses kalkulierbares Maß an Gewalt nichts einzuwenden haben – schließlich treibe das die Preise in die Höhe.

Ölunternehmen sind keine Entwicklungsagenturen

Sei es, weil die Eskalation der Gewalt die Ölkonzerne teuer zu stehen kommt, sei es aufgrund ihres ramponierten Images – mit Ende der 1990er Jahre beginnen die Unternehmen, allen voran Shell, im Stil von Corporate Social Respon­sibility (CSR) Sozialprojekte im Nigerdelta zu fördern. 60 Millionen US-Dollar lässt allein Shell sich diese Image-Kosmetik jedes Jahr kosten – kein großer Betrag, gemessen am Gewinn des Unternehmens und den sozialen und ökologischen Kosten durch 50 Jahre Ölförderung im Nigerdelta.

Aber Ölunternehmen sind bekanntlich keine Entwick­lungsagenturen, und für Aufbau und Erhalt der sozialen Infrastruktur im Delta wäre eigentlich der nigerianische Staat zuständig. Der aber hält sich zurück und lässt seinen Anteil an den Ölmilliarden lieber in Großprojekte in Lagos und Abuja oder auf die Privatkonten der militärischen und zivilen Machthaber fließen.

Die gemeinsame Politik von Ölunter­nehmen und Entwicklungsagenturen führt dazu, die sozialen Kämpfe im Nigerdelta mindestens diskursiv von der globalen auf die lokale Ebene zu verlagern. Viele der lokalen NGOs sind de facto Agenturen, die als Auftragsnehmer Entwicklungsprojekte internationaler Geber umsetzen. Durch die neoliberalen Diskurse und Vergabepolitiken der Geber werden viele soziale Bewegungen im Delta entpolitisiert und von der lokalen NGO-Agentur-Szene absorbiert.

Krise der Bewegungen, Ende der Solidarität?

Die Besetzung der Begriffe „Partizipation“ und „Zivilgesellschaft“ durch die Weltbank nach der Kritik an den Strukturanpassungs­programmen, Kooperationen mit der Privat­wirtschaft in der Entwicklungspolitik, die öffentlichkeitswirksamen CSR-Projekte der Ölkonzerne – das Feindbild Shell war Ende der 1990er Jahre immer schwerer aufrecht zu erhalten. Frustriert von der internen Spaltung und Gewalthaltigkeit der Proteste, wandten sich NGOs und die in­ter­na­tio­nale Soli­be­wegung ab. Viele AktivistInnen im Delta sind enttäuscht von der Kurzlebigkeit der Solidarität aus dem Norden.

Nötig wäre eine kritische internationale Solibewegung – kritisch gegenüber der Partizipationsrhetorik von Unternehmen und Entwicklungsagenturen, kritisch aber auch gegenüber sozialen Bewegungen und lokalen NGOs. Sie müsste sich der Auseinandersetzung über politische Grundsätze, Ziele und Mittel gemeinsamer sozialer Kämpfe mit den Bewegungen im Süden stellen. Statt Rückzug sind Geduld und Ausdauer gefragt, wenn Strukturen und Akteurskonstellationen zu komplex sind, um einfache Gut-Böse-Schablonen auszufüllen. Vor allem aber muss die Solibewegung es schaffen, sich immer wieder selbst zu hinterfragen – wer solidarisiert sich mit wem und warum? –, ohne sich dabei durch Selbstzweifel, Frust und interne Lagerkämpfe selbst lahm zu legen.

Nigeria, das Nigerdelta und das Öl

Je nach Definition werden zum Nigerdelta drei oder sechs der insgesamt 36 nigerianischen Bundesstaaten gezählt. Mit einer Fläche von 70.000 Quadratkilometern ist es eines der größten Feuchtgebiete der Welt. Von rund 130 Millionen EinwohnerInnen Nigerias leben etwa zehn Millionen im Nigerdelta. Nigeria ist der größte Ölproduzent Afrikas, der fünftgrößte der OPEC und der elftgrößte der Welt. Der größte Teil des nigerianischen Erdöls wird im Nigerdelta gefördert. Laut Gesetz dürfen die Fördergebiete über 13 Prozent der Einnahmen aus der Ölförderung verfügen. Öl macht 90 Pro­zent der Deviseneinnahmen Nigerias aus und bringt der nigerianischen Regierung täglich etwa 20 Millionen US-Dollar ein. Die meisten NigerianerInnen haben allerdings wenig davon: 70 Prozent leben von weniger als einem US-Dollar pro Tag, etwa die Hälfte hat keinen verlässlichen Zugang zu sauberem Trinkwasser, die Lebenserwartung liegt bei ungefähr 43 Jahren.



Ken Saro-Wiwa

Kenule Beeson Saro-Wiwa, 1941 geboren, ist bereits im Alter von 28 Jahren Verwalter des wichtigen Ölhafens von Bonny im Nigerdelta. Nach dem Ende des Biafra-Krieges (1967-70) arbeitet er erst in der Regierung und gründet dann das erfolgreiche Handelsunternehmen Saros International. Anfang der 1980er Jahre beginnt er zu schreiben und als Fernsehproduzent tätig zu werden. Er arbeitet bei der regierungsnahen Zeitung Sunday Times, wird dort aber wegen seiner Beiträge zu Korruption, Diktatur, Ethnizität und der Situation im Nigerdelta Ende 1990 gefeuert. Als Schriftsteller in Europa, den USA und der Sowjetunion bereits bekannt, veröffentlicht er 1992 das Buch Genocide in Nigeria. Saro-Wiwa ist sehr wohlhabend und seit seiner Jugend ein begeisterter Ogoni-Nationalist. Die Kosten für seine Lobby-Reisen nach Europa und Nordamerika trägt er meist selbst. Er wird mehrfach verhaftet und inhaftiert; als er 1993 zur Weltmenschenrechtskonferenz nach Wien fliegen will, wird kurzerhand sein Pass konfisziert. Seine Hinrichtung im November 1995 löst weltweit Proteste aus.



50 Jahre Ölförderung im Nigerdelta

1957

Im Nigerdelta wird erstmals Öl gefördert.

1960

Nigeria wird unabhängig.

1990

Es gibt erste größere Konfrontationen im Delta. MOSOP wird gegründet.

1993

General Sani Abacha putscht sich an die Macht. Er führte das repressivste Militärregime in der Geschichte Nigerias.

1995

Die Hinrichtung Saro-Wiwas und acht weiterer Aktivisten führt zur internationalen Isolation Nigerias.

1998

Sani Abacha stirbt unerwartet.

1999

Olusegun Obasanjo wird zum Präsidenten gewählt.

2003

Präsidentschafts-, Parlaments- und Gouverneurs­wahlen finden statt. Es ist ein Krisen­jahr im Nigerdelta mit mehreren Hundert Toten bei Kämpfen zwischen Milizen und Sicherheitskräften.

2007

Superwahljahr: Im April werden – beeinträchtig von Gewalt und Wahlbetrug – Präsident, Parlament und die Regierungen der 36 Bundesstaaten gewählt. Umaru Musa Yar’Adua von der regierenden People’s Democratic Party (PDP) wird neuer Präsident.

Bettina Engels ist Politikwissenschaftlerin und promoviert an der FU Berlin zu bewaffneten Konflikten in Westafrika.

 

Endnote

(1) Die Bezeichnung Youth bezieht sich im nigerianischen Kontext nicht so sehr auf das Alter, sondern auf den sozialen Status: „Jugendlich“ sind alle Männer, die noch nicht den Status Elder erreicht haben, meist unverheiratet, mittel- und arbeitslos. Die Mitglieder der Youth Groups können bis zu 40 Jahre alt sein, manchmal sogar älter.

 

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