1.000 Kneifzangen für Mugabe

 
Autor_in: 
Bettina Engels
Nikolai Brandes
Was fällt Dir ein zu „Solibewegung“? Waffen für El Salvador. Cuba sí. Brigade nach Nicaragua. Waffen für Mugabe? Sofortprogramm Kap Verden? Nein? Amílcar Cabral hat es zwar nicht wie Ché Guevara zur T-Shirt-Popikone gebracht – gegeben hat es sie trotzdem: die Afrika-Solibewegungen in Deutschland.

Die Mehrheit der afrikanischen Länder erreicht Anfang der 1960er Jahre die Unabhängigkeit. Übrig bleiben die portugiesischen Kolonien, die erst mit der „Ne­lkenrevolution“ 1974, dem Ende des Faschismus in Portugal, dekolonialisiert werden. Sie und die von rassistischen Minderheitenregimen beherrschten Länder im südlichen Afrika warten zu diesem Zeitpunkt, den Kindertagen der Solibewegung in (West-)­Deutschland, noch auf ihre „Befreiung“. Solidarisiert wird sich deshalb mit den antikolonialen Bewegungen in den portugiesischen Kolonien – Guinea-Bissau und Kap Verden im westlichen, Mosambik und Angola im südlichen Afrika – sowie den antirassistischen Befreiungsbewegungen in Namibia, Simbabwe und Südafrika.

Die Anfänge

Ins öffentliche Bewusstsein der BRD ge­langt Afrika mit der beginnenden Dekolonialisierung Anfang der 1960er Jahre. Im Umfeld der Studierendenbewegung finden kritische Auseinandersetzungen mit dem europäischen Kolonialismus statt: Die Verstrickung Belgiens und der USA in die Ermordung des kongolesischen Unabhängigkeitskämpfers Patrice Lumumba werden heftig diskutiert, Aimé Césaire und Frantz Fanon sind populäre Autoren.

Vor dem Hintergrund des Vietnam­krieges wenden sich Gruppen aus dem studentischen, gewerkschaftlichen und kirchlichen Spektrum den Befreiungsbewegungen in Indochina zu, we­nig später auch jenen in Afrika und Latein­amerika. Afrika ist kein zentra­les Thema der Stu­dieren­den­bewegung. Trotz­dem initiieren der Verband Deutscher Studentenschaften und der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS) 1969 eine gemeinsame Angola-Kampagne inklusive Spendensammlung für den Movimento Popular de Libertação de Angola (MPLA). Die Solidarität mit antikolonialen Bewegungen in den damaligen portugiesischen Kolonien in Afrika wird auf dem Vietnam-Kongress 1968 in West-Berlin als Element einer weltweiten Einheit re­vo­lu­tionä­rer Kämpfe verstanden. Auch die Reden des Unabhängigkeitskämpfers Amílcar Cabral (siehe Kasten) sind im Umfeld des SDS prominent.

Die Soligruppen sammeln Geld- und Sach­spenden, um die Befreiungs­bewegungen im Kampf gegen die kolonialen und Minderheitenregime zu unterstützen, nach der Unab­hängigkeit dann für den Aufbau der entkolonia­lisierten Länder. Die blätter des iz3w erklären 1975 die Unterstützung des Aufbaus im postkolonialen Angola zum „zentralen Projekt der Solidaritätsbewegung der BRD“ und berichten 1976 von den Plänen der Zimbabwe African National Union (ZANU) für die Landwirtschaft – inklusive einer detaillierten Auflistung der benötigten Materialien und des Spendenkontos: „4 Traktoren mit mehreren Pflugscharen, 1.000 Spitzhacken, 1.000 Kneifzangen, 400 Spaten und Schaufeln, 50 Schubkarren, Draht und Dünger. 9. Februar 1976, gez. Robert Mugabe, Generalsekretär der ZANU.“ Einige AktivistInnen reisen in die befrei­ten Länder, um als „KooperantInnen“ den Aufbau zu unterstützen.

Kauft keine Früchte der Apartheid!

Hinter der Afrika-Solidarität steht immer die Annahme, dass europäische und nord­ame­ri­ka­nische Regierungen wie Unternehmen mitverantwortlich sind für die politischen, sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen in der Dritten Welt. Die Solibewegungen protestieren gegen die Unterstützung der portugiesischen Kolonialkriege durch Deutschland im Rahmen der NATO und rufen zum Boykott gegen deutsche und internationale Firmen auf (siehe Kasten).

Dabei spiegeln sich die unübersicht­lichen ideologischen Frontverläufe der Linken im Westdeutschland der 1970er auch in den unterschiedlichen Soligruppen wider. Je nach politischer Präferenz soli­da­ri­siert man sich im Falle Angolas entweder mit dem Moskau-treuen MPLA oder mit den UNITA- und von den USA unterstützten FNLA-Rebellen. Dies führt mit­un­ter zu Spaltungen innerhalb der Bewegung oder feindlichen Übernahmen einzelner Solidaritätskomitees. 1976 widmen sich die blätter des iz3w der „Sprengung“ der Heidelberger Ortsgruppe des Komitee Südliches Afrika (KSA) durch den Kom­mu­nis­tischen Bund Westdeutschland. Die Auseinandersetzung entzündet sich an der MPLA-Solidarität des KSA.

Die Solibewegung ist nicht identisch mit der Dritte-Welt-Bewegung. Schon der Begriff „Solidarität“ verweist darauf, dass es um gemeinsame Ziele geht, eine gemeinsame politische Identifikation über Antiimperialismus und Antikapitalismus, die wichtiger sein soll als Verschiedenheiten in Nationalität, Sprache und Hautfarbe. Die Soli­bewegung ist (anders als die viel brei­ter angelegte und stär­ker kirchlich geprägte Dritte-Welt-Bewe­gung) in weiten Teilen eine „linke“ Bewegung, für die das DKP-nahe Anti­imperialistische Solidaritätskomitee, Zeitschriften wie PERIPHERIE und iz3w sowie der Bundeskongress entwicklungs­politischer Aktionsgruppen (BUKO, heute: Bundeskoordination Internationalismus) zu Beginn der 1980er Jahre eine Sprecher­In­­nen­funktion beanspruchen. Sie unterstützt de facto fast nur sozialistische Bewegungen: den Partido Africano para a Independência da Guiné e do Cabo Verde (PAICG) in Guinea-Bissau und den Kap Verden, die Frente da Libertação de Moçambique (Frelimo) in Mosambik, den angolanischen MPLA oder die ZANU in Simbabwe. Der deutsche Staat reagiert darauf mitunter repressiv. So ris­kieren LehrerInnen, die im Unterricht die ZANU befürworten, ein Berufsverbot.

Die meisten Soli­grup­­pen un­terstützen Be­we­gungen in der Drit­ten Welt, um dem lang­fristigen Ziel einer weltweiten Alter­native zum Kapitalismus näher zu kommen – Mosambik, Guinea-Bissau und Simbabwe sind für die deutsche Linke auch Projektionsflächen ihrer Träume vom schönen Leben in einer anderen und besseren Welt.

Befreiungsbewegungen an der Macht

Die Realität der „Befreiungsbewegungen an der Macht“ (so der Schwerpunkt einer Dop­pelausgabe der PERIPHERIE 1982) von Vietnam über Guinea-Bissau bis nach Nicaragua bringt allerdings viele Träume zum Platzen. Die erste große Krise der Afrika-Solidarität löst der Putsch in Guinea-Bissau 1980 aus: Nicht nur, dass der Putsch gegen die ehemalige Befreiungsbewegung PAICG viel Zustimmung aus der Be­völ­kerung erhält, es stellt sich auch heraus, dass unter Luiz Cabral, dem Bruder des Unabhängigkeitskämpfers Amílcar Cabral (siehe Kasten), mehrere Hundert Menschen extralegal hingerichtet worden sind.

Die Solibewegung hat sich auf die je­wei­ligen Befreiungs­bewegungen konzentriert – So­li­da­rität mit Mosambik meinte Solidarität mit der Frelimo, und Solidarität mit Guinea-Bis­sau hieß lange Zeit Soli­da­ri­tät mit dem PAICG. Wenn die Befreiungs­be­we­gungen ihr Ziel – Unab­hängigkeit der ehema­ligen Kolonien, Sturz der ras­sis­ti­­schen Minderheiten­regime – erreicht haben, müssen sich die Soligruppen neu orien­tieren. Das führt zur bewegungsintern diag­nostizierten „Flackerhaftigkeit“ des länder­bezogenen Engagements.

Spätestens mit dem Ende des Kalten Krie­ges und der Abwahl der Frente Sandinis­ta de Liberación Nacional in Nicaragua ist der Traum der Solibewegung vom besseren Sozialismus in der Dritten Welt endgültig ausgeträumt.

Professionalisierung und Globalisierungs­kritik

Mit wem kann sich die Bewegung noch solidarisieren? Auf dem afrikanischen Kontinent scheint spätestens mit der Wahl Nelson Mandelas zum südafrikanischen Präsidenten 1994 das unterdrückte revolutionäre Subjekt zu fehlen. Die Befreiungsbewegungen an der Macht sind nicht mehr auf die Spenden der Soligruppen angewiesen, sondern bekommen staatliche Entwicklungshilfe aus Europa. Einzelne Gruppen professionalisieren sich im Bereich der themenbezogenen Lobbyarbeit. Teile der Bewegung organisieren sich als NGOs. Durch den Zugriff auf staatliche Entwicklungshilfe-Mittel professionalisieren sie die Unterstützung von sozialen Projekten in der Dritten Welt.

Ideologisch motivierte Expeditionen freiwilliger Ko­operan­tInnen und Bri­gaden nach Afrika werden dage­gen selten, während Tätigkeiten im Ent­­wick­lungs­­­dienst zunehmend Ka­r­rie­re­­op­tionen darstellen. Einzelne AktivistInnen finden über ihr Engagement ihren Weg in Parlamente und Ministerien.

Während sich die So­li­da­ritätsarbeit professionalisiert und aus ihrem linken Umfeld löst, ändern sich die Themen der internationalistischen Diskussion. Der Blick richtet sich zunehmend auf die Dritte Welt im eigenen Land, auf Themen wie Migration und Rassismus. Dahinter steht einerseits die bittere Erkenntnis, oft eher nationalistische statt sozialrevolutio­nä­rer Bewegungen unterstützt zu haben, andererseits die wachsende Befürchtung vor ungewolltem Paternalismus durch die Solidaritätsarbeit. Weltbank, IWF und Weltwirtschaftsforum werden ab Ende der 1980er Jahre Ziele der Kritik der Soli-Szene. Zehn Jahre später gehen große Teile der Bewegung in einer ins­gesamt weniger kämpferischen globalisierungskritischen Bewegung auf.

Internationalismus heute?

Eine Reihe von Gruppen und Zeitschriften wie das KSA oder das DKP-nahe Antiimperialistische Infor­mationsbulletin gibt es nicht mehr. An vielen verbleibenden Gruppen lässt sich die Entwicklung hin zur Pro­fes­sionalisierung und Orga­nisation in Netzwerken nachvollziehen. Die Koordination Südliches Afrika (KOSA), die aus der Anti-Apartheid-Bewegung kommt, dient heute als Zusammenschluss für afrikabezogene Aktivitäten des Weltfriedensdienstes, medico international oder des Zimbabwe-Netzwerks. Auch die seit 1972 bestehende Informationsstelle Südliches Afrika, die zweimonatlich afrika süd herausgibt, hat sich der KOSA angeschlossen.

Statt der Solidarität mit einzelnen Be­we­gungen betreiben diese Organisationen heute Dokumentation, Öffentlichkeits- und Lobbyarbeit zu Themen wie Ent­schuldung, Entschädigung oder fairen Wirtschaftsbeziehungen.

Einige Gruppe aus der Solibewegung wie die Aktionsgemeinschaft Solidarische Welt und der Weltfriedensdienst sind beim Dritte-Welt-Thema geblieben, organisieren vor allem in Afrika und Lateinamerika soziale Projekte und betreiben entwicklungs­po­li­tische Bildung in Deutschland. Andere wie die iz3w und die BUKO sind dagegen dem links-internationalistischen Spektrum treu geblieben und arbeiten heute zu Themen wie Festung Europa, Biopiraterie, Überwachung und Postkolonialismus.

 

Amílcar Cabral (1924-1973)

Amílcar Cabral, Führer der Unabhängigkeits­bewegung Guinea-Bissaus und der Kap Verden, spielt als politischer Aktivist und Theoretiker der afrikanischen Revolution weit über die damaligen portugiesischen Kolonien in Afrika hinaus eine zentrale Rolle. Zu seinen bekanntesten Werken zählen Die Theorie als Waffe und Die Revolution der Verdammten (auf deutsch 1968 und 1974 erschienen). 1963 beginnt der Partido Africano para a Independência da Guiné e do Cabo Verde (PAIGC) unter der Führung Cabrals mit antikolonialen Aufständen. Nach einem zehnjährigen Guerillakrieg ruft die PAIGC die Unabhängigkeit Guinea-Bissaus aus, die im Folgejahr nach der „Nelkenrevolution“ – dem Ende der faschistischen Diktatur in Portugal – von der ehemaligen Kolonialmacht bestätigt wird. Cabral selbst erlebt die Unabhängigkeit nicht mehr. Er wird während eines Putschversuchs am 20. Januar 1973 ermordet. Sein Todestag ist heute Nationalfeiertag der Republik Kap Verden.

 

Solidarische Konsumproteste

Die Strategie, über KonsumentInnenproteste Kritik an der Unternehmenspolitik großer Konzerne zu artikulieren, ist nicht erst mit den Boykottaktionen gegen Nike und Coca Cola in den 1990er Jahren entstanden. Bereits in den frühen 1970er Jahren mobilisiert die Afrika-Solibewegung in Deutschland gegen die Beteiligung von Siemens am Cabora-Bassa-Staudamm, der in Mosambik die Festigung der portugiesischen Kolonialherrschaft garantieren soll. Ab 1977 konzentriert sich der Protest auf den Boykott südafrikanischer Früchte und Aktionen gegen Firmen wie Daimler-Benz, Deutsche Bank und Dresdner Bank, die die BRD zu einem der wichtigsten Handelspartner des Apartheid-Regimes gemacht haben.

 

Die Zimbabwe African National Union (ZANU)

Simbabwe und Sambia bildeten die britische Kronkolonie Rhodesien. Sambia (Nordrhodesien) wird 1964 unabhängig und bekommt eine schwarze Mehrheitsregierung. In Simbabwe (Südrhodesien) gründet sich 1961 die Zimbabwe African People’s Union (ZAPU). Zwei Jahre später spaltet sich die Zimbabwe African National Union (ZANU) von ihr ab. 1965 erklärt eine weiße Minderheit unter Ian Smith einseitig die Unabhängigkeit Rhodesiens von Großbritannien. Die meisten BefreiungsaktivistInnen gehen ins Exil oder werden inhaftiert – so auch der ZANU-Führer Robert Mugabe, der nach seiner Entlassung 1974 von Mosambik aus gegen die weiße Minderheitenherrschaft kämpft. Das Regime von Ian Smith kollabiert 1978. Die Wahlen 1980 gewinnt die ZANU mit großer Mehrheit. Unter Mugabes Führung geht sie in den 1980er Jahren brutal gegen (vermeintliche) politische Gegner vor. Mugabe schafft ein Einparteiensystem, das sich immer mehr zu einer persönlichen Diktatur entwickelt. Bis heute macht er vor allem durch schwulenfeindliche Kampagnen, Mord und Terror gegen politische GegnerInnen Schlagzeilen. Die Wahlen 2002 und 2005 gewinnt er mit Wahlbetrug und Repressionen. Durch seine Politik der Zwangsräumung und Häuserzerstörung in Slums werden nach UN-Angaben allein 2005 mindestens 700.000 Menschen wohnungslos.

 

Befreiungsbewegungen in Angola

Bis zur Unabhängigkeit Angolas 1975 steht die portugiesische Kolonialmacht drei unterschiedlichen Befreiungsbewegungen gegenüber, die aufgrund verschiedener sozialer, ethnischer und regionaler Herkunft auch untereinander mit militärischen Mitteln um die Kontrolle des Landes kämpfen. Mit allen drei Gruppen verhandelt Portugal im Januar 1975 über die Einsetzung einer demokrati­schen Regierung. Dennoch herrscht im Land auch nach dem portugiesischen Truppenabzug Bürgerkrieg. Die Hauptstadt Luanda wird vom Movimento Popular de Libertação de Angola (MPLA) gehalten. 1976 wird der MPLA, der von der UdSSR und SoldatInnen aus Kuba unterstützt wird, von der UNO als legitime Vertretung Angolas anerkannt. Auch das Gros der deutschen Soli­bewegung sympathisiert mit dem kommunistischen MPLA, in dem sich viele Intellektuelle aus der Hauptstadt, portugiesischstämmige Ango­la­nerInnen und „Mu­lattInnen“ engagieren. Um die Macht konkurriert sie mit dem von Zaire, China, den USA und Südafrika unterstützten Frente Nacional de Libertação de Angola (FNLA), dem die Sympathie deutscher MaoistInnen gehört, sowie der ebenfalls von Süd­afrika und den USA unterstützten União Nacional para a Independência total de An­gola (UNITA). 2002 endet der Bürgerkrieg mit dem Tod des Chefs der UNITA. Für 2007 sind Wahlen vorgesehen.


Bettina Engels und Nikolai Brandes leben in Berlin und sind in der Süd-Nord-Gruppe Ouagadougou sans Papiers aktiv.

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