Neoliberale Alltagsmythologien in der Krise

Autor_in: 
Max Lill
Erscheinungsjahr mit Monat: 
Mai 2011

Neoliberale Alltagsmythologien in der Krise

Zwischen bürgerlichem Ressentiment und Gangsta Rap

von Max Lill

(erschienen in: "Sozialismus" 5/2011)

 

Die Situation ist ernüchternd: Es knirscht gewaltig im Gebälk des globalen Kapitalismus, Währungsregime und Staaten geraten ins Wanken, sogar demokratische Umstürze und neue Kriege ereignen sich vor den Toren der Festung Europa. Auch in Deutschland verschiebt sich das politische Koordinatensystem grundlegend. Die Linke jenseits der Grünen aber bleibt, trotz Mobilisierungserfolgen in Gorleben und Stuttgart, in der Defensive. Bisher erntet v.a. der Rechtspopulismus die Früchte der verstärkt artikulierten Kapitalismuskritik. Diese missliche Lage hat wenigstens die eine erfreuliche Folge, dass Fragen nach der Entwicklung des Alltagsbewusstseins wieder etwas breiter diskutiert werden. Damit wird auch die einst von Antonio Gramsci, ebenfalls in Zeiten politischer Ernüchterung, ins Stammbuch der Linken geschriebene Forderung aktualisiert, wonach es gelte, die „Kasematten“ der bürgerlichen Ordnung in Kultur und Zivilgesellschaft schärfer ins Auge zu fassen.
Als Beitrag hierzu sollen im Folgenden einige Aspekte der kulturellen Überprägung von Krisenerfahrungen diskutiert werden. Im Fokus stehen dabei klassentypische Varianten einer neoliberal gefärbten Alltagsmythologie, die eine emanzipatorische Wendung der Legitimationskrise bisher erschweren. Aufbauend auf einigen ideologiekritischen Grundüberlegungen, konzentriere ich mich dabei zum einen auf das aktuell zu beobachtende Erstarken bürgerlicher Ressentiments gegenüber sozial marginalisierten Gruppen. Zum anderen diskutiere ich die Einschreibung eines stark nihilistisch geprägten Individualismus in die Populärkultur prekarisierter Klassenfraktionen. Beide Phänomene sind m.E. eng aufeinander bezogen und beide implizieren eine, in materialistischen Analysen meist vernachlässigte, ästhetisch-performative Dimension. So sehr damit der Blick auf skeptisch stimmende Kräfte der Beharrung und Entzivilisierung in der Alltagskultur gerichtet wird, so sehr zeichnen sich auch die Konturen eines ideologischen Zerfallsprozesses ab, der die neoliberale Utopie der Eigentümer- und Leistungsgesellschaft untergräbt....

 

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