Rezension: Janusgesicht des Ghettos

Loïc Wacquant:

Das Janusgesicht des Ghettos und andere Essays

Birkhäuser u.a., Basel u.a. 2006

208 Seiten, kartoniert, 24,90 Euro

 

 

 

von Christian Schröder

Die Frage der Ghettobildung in europäischen Großstädten wurde zuletzt anlässlich der Unruhen in den französischen Banlieues Ende 2005 gestellt. Doch was macht ein Ghetto jenseits seiner politischen und medialen Skandalisierung aus? Ziel der elf vorliegenden und bereits anderweitig erschienen Artikel in diesem Sammelband des Bourdieu-Schülers Wacquant ist es, einen »tragfähigen soziologischen Begriff des Ghettos als sozialräumlichen Apparat ethnorassistischer Segmentierung und Kontrolle« (7) zu entwickeln und damit eine Lücke in den Sozialwissenschaften zu schließen, die den Begriff häufig nur deskriptiv verwenden.

Die Herausbildung eines »neuen Regimes städtischer Ausgrenzung« (21) seit Ende des fordistischen Zeitalters sieht Verf. durch vier strukturelle Entwicklungen vorangetrieben: Rückkehr der sozialen Ungleichheit, Wandel der Lohnarbeit, Umbau des Wohlfahrtsstaates sowie räumliche Konzentration und Stigmatisierung. Obwohl sich diese Trends in allen Industrieländern vollziehen, existieren dennoch funktionale Unterschiede zwischen den us-amerikanischen ›Schwarzenghettos‹ und den europäischen ›Verbannten vierteln‹. Während in den USA die Hautfarbe das ausschlaggebende Kriterium für die Segregation ist – 96 bis 99 Prozent der Ghettobewohner sind Schwarze –, bilden entgegen der medialen Wahrnehmung weiße Arme die Mehrheit in den Banlieues. Verf. skizziert das ›Innenleben‹ des schwarzen amerikanischen Ghettos hinsichtlich seiner Sozialstruktur, Funktion und Dynamik. Das fordistische ›Gemeinschaftsghetto‹ mit historisch gewachsenen Milieus und sozialen Strukturen der Arbeiterklasse habe sich zu einem nachfordistischen ›Hyperghetto der Ausgeschlossenen‹ entwickelt, das zum einen durch »eine Verschärfung der historisch gewachsenen rassistischen Ausgrenzung, gefiltert durch ein Klassenprisma«, und zum anderen durch »eine neuartige räumliche und organisatorische Struktur« gekennzeichnet sei (88).

Im Anschluss an Bourdieu bezeichnet er das amerikanische ›underclass‹-Konzept als »wissenschaftlichen Mythos« (79). Indem es unterstelle, dass der Entzivilisierungsprozess des Hyperghettos im Verhalten seiner Bewohner begründet liege, habe es als legitimatorische Grundlage für den Abbau des sozialen Netzes und die Einführung von ›Workfare‹-Maßnahmen und polizeilichen ›Null-Toleranz‹-Strategien in den USA gedient. Diese Umkehrung des Zusammenhangs von Ursache und Wirkung fi nde sich auch in den Theorien der ›Kultur der Armut‹ wieder. Zugleich gebe es eine »zunehmende Verdrängung der Kategorie Rasse aus der an Politikberatung orientierten Forschung« (107), in der das Ghetto mit Konzentrationen extremer Armut gleichgesetzt würde, ohne seine ethnisch-rassistische Untermauerung zu erwähnen. Erst wer das »Ghetto als soziale Form« (128) verstehe, könne erkennen, welche Eigenschaften konstitutiv und welche abgeleitet sind. Theoretischer Mittelpunkt des Sammelbandes bildet der titelgebende Artikel »Das Janusgesicht des Ghettos«. In diesem will Verf. »ein relationales Konzept des Ghettos als Instrument der Schließung und Kontrolle [...] für die sozialwissenschaftliche Analyse ethnisch-rassistischer Herrschaft und städtischer Ungleichheit« entwickeln (132). Verf. identifiziert »vier konstituierende Elemente des Ghettos« (133): Stigma, Zwang, räumliche Einsperrung und institutionelle Ausstattung, die zusammengenommen die Verfolgung der »doppelten Zielsetzung von ökonomischer Ausbeutung und sozialer Ächtung« (ebd.) ermöglichen. In einem sozial- und begriffsgeschichtlichen Rückblick verdeutlicht er Gemeinsamkeiten und Unterschiede des jüdischen Ghettos im europäischen Mittelalter und im NS, der japanischen Buraku, der schwarzen US-Ghettos und der europäischen Verbanntenviertel. In Abgrenzung zum naturalisierenden sozialökologischen Ansatz der (frühen) Chicagoer Schule und den Klasse und Historizität vernachlässigenden Ansätzen der Politikberatung erklärt er die Ghettobildung sozialgeschichtlich als forcierten Prozess ›von oben‹.

Das Ghetto ist insofern eine »janusköpfige Institution« (136), als es der dominierenden Gruppe zur Abgrenzung und Kontrolle (als ›Waffe‹) und der subalternen als integrierende und schützende Einrichtung (als ›Schild‹) dient. Dieses Ghetto-Verständnis ermöglicht die begriffliche und funktionale Abgrenzung einerseits von der ethnischen Enklave, in der sich eine ethnisch markierte Gruppe zur Akkulturation und Verbesserung ihrer Lebenschancen freiwillig segregiert, und andererseits vom Elendsviertel, in dem Arme, die jedoch nicht ethnisch markiert sein müssen, segregiert sind. Daher läge es nahe, das Ghetto »mit dem Reservat, dem Flüchtlingslager und dem Gefängnis« (143) zu vergleichen. – Andere Artikel beleuchten die bereits in Elend hinter Gittern vertretene These, »dass zwischen dem Niedergang des Sozialstaates und dem Gedeihen des Strafstaates ein kausaler und funktionaler Zusammenhang besteht« (161). Vom Epizentrum der USA ausgehend verbreiten politikberatende think tanks die Null-Toleranz-Doktrin und propagieren die »Rückkehr der Gefängnisse« (146). Diese Diskurse tragen maßgeblich zur weltweiten Etablierung eines neuen ›liberal-paternalistischen‹ Regimes bei. In den USA werde der Sozialstaat durch den Strafstaat ersetzt, in Europa (derzeit) lediglich ergänzt. Das massenhafte und »routinemäßige Umfunktionieren der Haft zu einem Instrument der Bekämpfung sozialer Unsicherheit« (148), das sich in den USA zur Waffe gegen die schwarzen Armen entwickelt habe, führe inzwischen zur Explosion der Gefängniskosten und zur Suche nach Einsparpotenzialen.

In einem abschließenden Interview über die Rolle kritischer Intellektueller postuliert Verf. die synergetische Verbindung der Denktraditionen der kantianischen Erkenntniskritik und der marxistischen Gesellschaftskritik, um den Alltagsverstand zu zersetzen. Kritisches Denken müsse »unermüdlich die Frage stellen nach den sozialen Kosten und dem Nutzen der Politik der ökonomischen Deregulierung und des sozialen Abbaus« (199). Ohne dies näher auszuführen, plädiert Verf. für »die Stärkung und Erweiterung sozialer und ökonomischer Rechte« und den »Aufbau eines europäischen Sozialstaats« (156).  

 

zuerst erschienen in: Das Argument, Nr. 268, Jg. 48, Heft 5/6, S. 273-275, www.argument.de

 

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