Rezension: Entfremdung

Rahel Jaeggi:

Entfremdung
Zur Aktualität eines sozialphilosophischen Problems

Frankfurt am Main/New York, Campus, 2005

267 Seiten, broschiert, 24,90 €

 

 

von Armin Kuhn

 

Die zentrale These des Buches, die Behauptung der Unverzichtbarkeit des Entfremdungsbegriffs, kann innerhalb kritischer Gesellschaftstheorien nicht (mehr) als selbstverständlich gelten. Der lange umstrittene und zuletzt in Vergessenheit geratene Begriff soll als »Beziehung der Beziehungslosigkeit« (44) zwischen Subjekt und Gesellschaft neu gefasst und als sozialkritisches Instrument wiederbelebt werden. Verf. reformuliert< ihn einerseits anhand der Kritik eines »Essenzialismus« klassischer Entfremdungstheorien. Die »Vorstellung von ›Wesen‹ oder Natur des Menschen« sowie die Ideale eines objektiv »guten Lebens« und »spannungsfreier Identität« des Selbst (19) hätten letztlich die Entfremdungsbegriffe diskreditiert, die vor allem in der marxistischen Theorietradition diskutiert wurden. Andererseits sucht sie den Fallstricken der »zwei zeitgenössischen Positionen zu entgehen, die dem Rückgriff auf das Entfremdungstheorem heute entgegenstehen« (46). Das sind zum einen Lebensentwürfe »ästhetisch-experimenteller Selbsterzeugung« (248), die sich im Liberalismus Rortys in einer privaten Suche nach Originalität erschöpfen – und darin umso mehr den gesellschaftlichen Normen verhaftet bleiben (252). In der poststrukturalistischen Subjektkritik wiederum läuft eine »Ästhetik der Existenz« (Foucault) Gefahr, sich zwischen »der Idee der Subjektlosigkeit« und des Subjekts als scheinbar »omnipotentem Schöpfer eines Kunstwerks, das es selbst ist« (224), in Beliebigkeit zu verlieren.

Aus dieser doppelten Abgrenzung heraus sowie anschließend an zeitgenössische Philosophen wie Harry Frankfurt, Ernst Tugend hat oder Axel Honneth entwickelt Verf. einen Subjektbegriff, demzufolge das Selbst als ein Verhältnis zu sich und zur Welt zu verstehen ist, das sich »in und durch die Beziehungen, die es zu anderen und zu anderem hat« (197) konstituiert. Diese Beziehungen werden als Beziehungen der Aneignung gedacht. Gemeint ist ein Verhältnis der praktischen und intellektuellen Bearbeitung der Welt mit dem Ziel »sich die Welt zu Eigen zu machen« und innerhalb dieser »das eigene Leben gestalten zu wollen« (58). Dabei gelinge die Aneignung seiner selbst in dem Maße, in dem sich das Subjekt mit der Welt als Voraussetzung bzw. Gegenstand des eigenen Handelns und mit der eigenen Lebensführung identifiziert (55f). In der Fähigkeit zur Selbst- und Weltaneignung expliziere sich ein nicht-entfremdetes Leben als das Vermögen, »in seinem Leben Projekte voranzutreiben, die man selbstbestimmt verfolgen, die man sich dabei zu Eigen machen und mit denen man sich affektiv identifizieren kann« (239). Umgekehrt bedeute Entfremdung eine »Beeinträchtigung von Aneignungsvollzügen« (55), eine Störung der Beziehung zu sich und zur Welt, eine »Beziehung der Beziehungslosigkeit«.

Diese »Rekonstruktion des Entfremdungsbegriffs« (50) wird geleitet durch eine folgenreiche Engführung, die bereits im Untertitel anklingt: Die Diskussion von Entfremdung als »sozialphilosophischer Schlüsselbegriff« klammert seine »gesellschaftstheoretische « Fundierung aus. Die vor allem gegen Marx gerichtete Kritik, eine gesellschaftliche Theorie von Entfremdung sei »in ihrer Mischung von deskriptiven und normativen Aspekten ungeklärt« (15), folgt aus einem vorschnellen »Essenzialismus«- Vorwurf, der den marxschen Begriff vom »menschlichen Wesen« als »ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse« (6. Feuerbach-These) nicht zur Kenntnis nimmt. Indem Verf. das Subjekt als die vermeintliche Schwachstelle bei Marx ins Zentrum ihres Begriffs von Entfremdung rückt und es von den im Begriff »Welt« homogenisierten gesellschaftlichen Verhältnissen getrennt untersucht, geht gleichzeitig das kritische Potenzial des Begriffs verloren. Zwar betont Verf. kontinuierlich den wechselseitigen Zusammenhang zwischen Selbstverhältnis und Beziehung zur Welt. Die Auswirkungen der strukturellen Verfasstheit der »Welt«, sprich: der gesellschaftlichen Verhältnisse, auf das individuelle Handeln werden jedoch nicht mehr fassbar. Die für Marx entscheidende Identifizierung der Entfremdung als Fremdbestimmung wird verworfen, da Entfremdung als Folge eines eigenen defizitären Handelns gefasst wird, über dessen Grundlage nicht »unter fremdem Einfluss oder gar Zwang«, sondern »eigentlich gar nicht entschieden wurde« (79). Hier werden weder Marx’ Rückführung der Entfremdung auf die Produktionsweise und die Eigentumsverhältnisse, noch Foucaults Erkenntnisse über ein »Kontinuum der Regierung des Selbst und der Regierung von anderen«, d.h. eines strukturellen Zusammenhangs zwischen gesellschaftlichen Machtbeziehungen und der Herausbildung von Selbstverhältnissen, zur Kenntnis genommen. Eine derart nebulöse Bestimmung von Entfremdung als »subtile strukturelle Fremdbestimmung« (42) kann nicht mehr gesellschaftlich kritisiert und bekämpft werden. Im Bestreben, ein nicht-entfremdetes Leben zu führen, ist das Subjekt auf sich selbst zurückgeworfen.

Vor diesem Hintergrund wird auch der Begriff der Aneignung einer kritischen Spitze beraubt. Obwohl Verf. Aneignung ausdrücklich als einen »produktiven Prozess« fasst, in dem das »Angeeignete nicht unverändert« (56) belassen wird, gehört die Perspektive einer Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse nicht zur hier entworfenen Bestimmung eines nicht-entfremdeten Lebens. Stattdessen erscheinen als gelungene Aneignung ebenso das unkritische ›Sich-Einrichten‹ des Einzelnen in den gegebenen Verhältnissen oder gar die aktive Adaption eines neoliberalen Lebensentwurfs als ›Unternehmer seiner selbst‹. Die Unterscheidung zwischen Selbst- und Fremdbestimmung wird verwischt, wenn eine gelungene Identifikation mit fremdbestimmten sozialen Beziehungen und gesellschaftlichen Institutionen als nicht-entfremdetes Leben gelten kann. Die Spannung zwischen dem »gesellschaftlichen Versprechen auf Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung und seiner defizitären Einlösung« (12) wird so mehr verdeckt als erhellt.

 

zuerst erschienen in: Das Argumente, Nr. 268, 2006, S. 250f, www.argument.de

 

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