Neuerscheinung 
| Ralf Hoffrogge:
Richard Müller. Der Mann hinter der Novemberrevolution
Band VII der Reihe „Geschichte des Kommunismus und Linkssozialismus", Karl-Dietz-Verlag Berlin, 233 Seiten mit Abbildungen, Hardcover, 19,90 Euro | | |
Von einem Richard Müller wissen zumeist nur noch Fachhistoriker, dass er in der Novemberrevolution von 1918 eine zentrale Rolle spielte: Richard Louis Müller (1880-1943) war als Leiter der „Revolutionären Obleute“ wesentlich an der Vorbereitung des 9. November beteiligt. Im Deutschen Metallarbeiter-Verband, seinerzeit der größten Gewerkschaft der Welt, galt Richard Müller als der Anführer des linken Flügels. Schon die großen Berliner Massenstreiks der Jahre 1916 bis 1918 hatte er illegal organisiert. In der Revolutionsregierung von 1918 war Müller Vorsitzender des „Vollzugsrats der Arbeiter- und Soldatenräte“, also der Kopf des ranghöchsten Räteorgans. Formal war Richard Müller damit sogar das Staatsoberhaupt der „Deutschen Sozialistischen Republik“ – einer Republik, die allerdings nur einige Monate unter diesem Titel firmierte und heute als „Weimarer Republik“ in den Geschichtsbüchern verzeichnet ist. Müller Einfluss in Berlin überstieg 1918 bei weitem den von Karl Liebknecht, der über Müller scharf fluchen konnte, wenn er und die Spartakusgruppe sich wieder einmal in eine Nebenrolle verwiesen sahen. Das Kräfteverhältnis zwischen den Revolutionären Obleuten und der Nach-Liebknecht-KPD sollte sich freilich drehen. Unabhängiger Sozialismus und Rätesystem, jene Prinzipien die Richard Müller vertrat, wurden zwischen den Mühlsteinen von Sozialdemokratie und Marxismus-Leninismus zermahlen. Auch Richard Müller selbst geriet in diesen Sog. Nach seinem schnellen politischen Aufstieg ab 1916 musste er schon 1921 alle politischen Ämter niederlegen. Die KPD, in die er nach dem Zerfall der USPD eingetreten war, verließ er wie viele der Rätesozialisten aus dem USPD-Umfeld schon nach wenigen Monaten. Trotz anfänglicher Unterstützung durch Clara Zetkin und sogar Lenin persönlich wurden er und seine Genossen geopfert, weil sie sich der bedingungslosen Parteidisziplin nicht unterordnen wollten. Anders als Liebknecht geriet deshalb Müller, obwohl er diesen überlebte und die entscheidenden Gründerjahre der Weimarer Republik mitgestaltete, beim breiten Publikum in Vergessenheit. Trotzdem beeinflusst Müller bis heute noch das Denken der Historiker. Seine dreibändige Revolutionsgeschichte mit dem Obertitel „Vom Kaiserreich zur Republik“, in den Jahren 1924 und 1925 erschienen, bildet die wichtigste zeitgenössische Revolutionsdarstellung aus marxistischer Sicht. In den 60er Jahren wurden diese Werke wiederentdeckt. Müllers Schriften beeinflussten in Form unzähliger Raubdrucke zuerst das Geschichtsbild der Studierendenbewegung, bevor sie ab 1974 auch mehrere „offizielle“ Neuauflagen erlebten. Seine mitreißend geschriebene, von zahlreichen Originalquellen gestützte Trilogie, fehlt auch heute noch in keiner Literaturliste zur Novemberrevolution und ist unentbehrliche Stütze vieler aktueller Darstellungen dieser Zeit. Dennoch wusste man bisher kaum etwas über die Herkunft und den Werdegang ihres Autors. Diese Lücke wird mit der vorliegenden Arbeit geschlossen. Ralf Hoffrogge verfolgt Müllers Lebensweg von der Kindheit in der Thüringischen Provinz über die politische Karriere in Berlin bis zum Rückzug ins Privatleben in den dreißiger Jahren. Zahlreiche, auch in der Forschung bisher unbekannte Details zu Müllers Leben fügen sich hier erstmals zu einem Gesamtbild dieser historischen Persönlichkeit.
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