sul serio Ausgabe #14 WEM GEHÖRT DER KLIMAWANDEL?

Distanz verlieren!

von Dorothea Müth

Es geht um Argentinien – und um viel mehr. Die Schritte zur Flucht von der Arbeit zum Tun beginnen dort, wo die Investoren abgehauen sind und zunehmend entrechtete Ar-beitsplätze und Arbeitslose zurückbleiben – wenn sie (sich) nicht selbst (was) organisieren könnten: „Dieses Tun ist der Gegensatz von Arbeit, es ist nämlich ein Handeln, das nicht mehr abgetrennt ist von der Umgebung und dem Leben, in dem es stattfindet.“ Die „Währungskrise“ in Argentinien 2001, tatsächlich ein jahrzehntelang vorbereiteter Kollaps neoliberaler Wirtschaftspolitik, wählt der Band als Ausgangspunkt, um in alle möglichen Richtungen auszuschwärmen: Zurück zur argentinischen Militärdiktatur und zum NS, zur Zuckerproduktion in Tucumán 1968 und zur 2001 aufgrund von Immobilienspekulation insolvent gegangenen Berliner Bankgesellschaft.

Der Zugang zu den einzelnen Überlebensstrategien und widerständigen Aktionen ist zunächst theoretisch, fast artifiziell, verliert seine Distanz aber rasch an die Lebendigkeit der politischen Kunst und der involvierten Leute. Dem Katalog zur Ausstellung, die das Kölner Museum Ludwig 2004 zeigte, gelingt ein seltenes Kunststück: Er bringt abstrakte Konzepte wie Negation, Kartographie und militante Untersuchung für die Lesenden zum Tanzen.

Neben einem einführenden Interview findet sich zu jedem Konzept eine Vielzahl möglicher Umsetzungen: Grafiken, Performances, Essays, Skulpturen, Videoclips, Wandzeitungen. Da lerne ich zum Beispiel von der argentinischen Gruppe H.I.J.O.S., wie ein Escrache als militante Untersuchung funktionieren kann: Sie spielen Verbrechen der Militärdiktatur wie die erzwungenen Geburten von Schwangeren vor dem Haus der Täter öffentlich nach und markieren das Gebäude desjenigen, der das Baby klaute und verkaufte und unbescholten lebt, im Anschluss mit Farbbeuteln.

Das Buch macht wach. Es macht Lust: anzufangen, etwas rauszufinden, genau hinzugucken und zu verändern, etwas gemeinsam zu tun, politisch zu sein. Wie könnte ein Buch schöner sein?

  

Alice Creischer, Gabriela Massuh &
Andreas Siekmann (Hrsg.):

Schritte zur Flucht von der Arbeit zum Tun.
Ex Argentina.

Walther König, 2004.
Ausstellungskatalog, deutsch & spanisch, 384 Seiten, 18 Euro.

Inhaltsverzeichnis

Editorial
von den Redaktionen arranca! und sul serio

SCHWERPUNKT

Die letzte Schlacht gewinnen wir? Das Klima, die Zeit und die radikale Linke
von Alexis Passadakis & Tadzio Müller

Die Natur beißt zurück: Kapitalismus, Ökologische Marktwirtschaft und Krise
von Mario Candeias

Das Papier nicht wert: Monokulturen und Klima
von Stefan Thimmel

Von fossilen Dinosauriern und aufstrebenden Öko-Pionieren: Die deutsche Energiepolitik im Kontext postfordistischer Naturverhältnisse
von Hendrik Sander

Gender, Klimawandel und Biodiversität: Zusammenhänge zwischen Biodiversität und Geschlechterverhältnissen
von Julika Schmitz

Steigende Meere, sinkende Erträge: Wie Klimawandel und Hunger zusammenhängen
von Tobias Bauer

Freie Stromversorgung in Südafrika: Empowerment oder Disziplinierung?
von Greg Ruiters

Niemand steht außen: Eine Kritik an Agrotreibstoffen als radikale Gesellschaftskritik
von Andreas Hetzer

Die Eigentumsfrage: Wege zum Klimakommunismus
von initiative k

Deutsche Küche: Warum Fleischkonsum das globale Klima und den Hunger in der Welt anheizt
von Christian Noll

Konsum Global: Entdeckungsreise durch die globalisierte Stadt
von Boris Demrovski

Das Bett im Musikzimmer: Drei Episoden vom Konsum
von Dorothea Müth

Die Axt am Pfeiler des Kapitalismus: Konsumkritik als Zugang zur Kapitalismuskritik
von Chris Methmann

Pipeline durchs Biotop: Die verfehlte Klimaschutzagenda der Weltbank
von Daniela Setton

Orwell in grün: Neue Kontrolltechniken im Namen des Klimaschutzes
von Niels Boeing

AUßERHALB

Opfer der Marktgesellschaft: Obdachlosenfeindlichkeit
von Andreas Kemper

Antiislamismus und Islamismus: Zwei Seiten eines rassistischen Diskurses
von Iman Attia

REZENSIONEN

Alice Creischer u.a. (Hg.):
Schritte zur Flucht von der Arbeit zum Tun

Pascale Gazareth u.a. (Hg.)
Neue soziale Ungleichheit in der Arbeitswelt

Justin Akers Chacón & Mike Davis:
Crossing the border

Tobias Singelnstein & Peer Stolle:
Die Sicherheitsgesellschaft

Joseba Sarrionandia:
Der gefrorene Mann

Peter Birke:
Wilde Streiks im Wirtschaftswunder

MUSIKREZENSIONEN:
Portishead (Third), Benga (Diary of an Afro Warrior), Pluxus (Solid State)

Zuletzt aktualisiert am 7.08.2008 von Christian Schröder
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