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sul serio #13 WARE LUST MACHT ARBEITHoffnung auf ein besseres LebenSexarbeit und weibliche MigrationProstitution – weibliche Migrationsstrategie oder Frauenhandel? Darüber werden heiße Diskussionen geführt. Das Beispiel der Sexarbeit in der US-amerikanisch-mexikanischen Grenzstadt Tijuana zeigt, wie schwierig die Abgrenzung ist. von Susanne Hofmann
Die Migrationsforschung beschäftigt sich erst seit den 1990er Jahren mit Frauen in der Migration. Früher wurden sie meist als Anhängsel von männlichen Arbeitsmigranten betrachtet. Erst in den letzten Jahren werden sie als unabhängige Akteurinnen im Migrationsprozess ‚entdeckt‘. Dabei war laut UN-Berichten schon lange knapp die Hälfte der internationalen MigrantInnen Frauen. Den Traum wahr machenMigrantinnen ohne Papiere erhalten in Europa kaum eine qualifizierte Arbeit. Ihre einzige Möglichkeit, Arbeit zu finden, liegt im informellen Dienstleistungsbereich. Der weitgehend unregulierte Dienstleistungssektor bietet Arbeit etwa in der Kinder- und Altenpflege, in der Hausarbeit, im Tourismus und in der Kundenbetreuung. Die Soziologin Saskia Sassen fasst dies unter ‚emotionaler Arbeit‘ zusammen. Frauen haben durch ihre Sozialisation gelernt, zu geben, zu pflegen, zu sorgen, zuzuhören, einfühlsam zu sein, Empathie zu empfinden. Alle diese Fähigkeiten werden im Dienstleistungssektor gefordert – auch in der professionellen Sexarbeit. Migrantinnen, die sexuelle Dienstleistungen anbieten, betonen oft, dass sie schnell viel Geld verdienen, unabhängig sein, einen fremden kulturellen Kontext kennen lernen und eine Vergangenheit zurück lassen wollen, die ihnen keine Perspektiven versprach. Die Sexindustrie zieht sie an, aufgrund des Geldes, das hier in Kürze verdient werden kann, und der Informalität, die einen spontanen Einstieg – ohne Vorkenntnisse – möglich macht. Weibliche Körper als FrachtgutFrauen reisen um den Globus, um in der globalisierten Sexindustrie zu arbeiten. Sie migrieren in großer Zahl von Manila nach Nigeria, von Burma nach Thailand, von Bulgarien nach Europa: Weibliche Körper befinden sich im Fluss des globalen Kapitalismus. Weibliche Körper sind ein Frachtgut und stellen hochlukrative Transaktionen dar, die über nationale Grenzen hinweg vollzogen werden. Es gibt zahlreiche strukturelle und politische Gründe, welche Frauen dazu bewegen zu migrieren und in das kommerzielle Sexgewerbe einer globalisierten Industrie einzusteigen. Allerdings ist es nicht einfach, eine moralische Unterscheidung zu treffen zwischen ‚gehandelten‘ Frauen und Frauen, die sich die Sexindustrie als Ort des Einkommenserwerbs ausgewählt haben. Es existiert eine große Grauzone, die Frauen unterschiedliche Handlungsspielräume innerhalb der kommerziellen Sexarbeit bietet. Einwanderungsgesetze gefährden FrauenTatsächlich sind die Immigrationsgesetze ausschlaggebend für den sozialen und politischen Ausschluss von MigrantInnen und damit für deren Verletzbarkeit und Gewalterfahrungen im Migrationsprozess. In der Diskussion um Frauenhandel versus weibliche Migrationsstrategien werden aber häufig stereotype Erzählungen von Weiblichkeit und Männlichkeit reproduziert. Die Schemata von Opfern und Kriminalität sind eine gegenwärtige Fiktion, die über die Asymmetrie von Machtbeziehungen innerhalb der Migrationsprozesse hinweg täuschen. Erzählungen von sexarbeitenden Migrantinnen belegen, dass die Netzwerke von Frauenhändlern oft das einzige Mittel waren, um ihnen die informelle Arbeitsmigration zu ermöglichen. Anstatt strengerer Grenzkontrollen, um Frauenhandel vorzubeugen, benötigen wir progressive Ansätze, welche die Nord-Süd- und West-Ost-Grenzen allmählich porös werden lassen. Wir brauchen temporäre Arbeitsvisa für Frauen in der Sexindustrie, um diesen unregulierten Arbeitssektor transparenter und sicherer zu machen. Für viele Frauen, die in der globalen Sexindustrie beschäftigt sind, ist ihre Arbeit Teil eines Projekts, mit dem sie sich aus Armut, Arbeitslosigkeit oder einer stagnierenden Lebenssituation herausholen wollen. Sie kämpfen gegen verlorenes Selbstvertrauen oder Misshandlung in der Familie und streben danach, ihrem Leben neue Perspektiven zu eröffnen, wie etwa unterbrochene Bildung nachzuholen. Westliche Rechtssysteme klassifizieren MigrantInnen als Nicht-Staatsangehörige. Ohne die notwendigen Papiere können MigrantInnen verhaftet und deportiert werden. Die Angst davor, von der Polizei gefangen genommen und ins Herkunftsland abgeschoben zu werden, erhöht ihre Abhängigkeit von Vermittlern und trägt zu den harten Arbeitsbedingungen der Migrantinnen im globalisierten Sexgewerbe bei. Die eigene Zukunft selbst gestaltenStudien haben gezeigt, dass viele Migrantinnen, die sexuelle Dienstleistungen verkaufen, wussten, dass ihre Arbeit einen sexuellen Aspekt beinhalten würde. Allerdings ist es schwierig, wenn nicht unmöglich im Voraus zu wissen, wie sich die Arbeitsbedingungen anfühlen werden. Die Sexjobs, die sie eventuell schon vor ihrer Emigration ausgeübt haben, haben oft wenig gemein mit der Arbeit, die sie in ihrem Zielland schließlich ausüben. Oft sind sich Migrantinnen nicht über die Länge ihrer Arbeitstage im Klaren oder über die Anzahl der Kunden, die sie in einem gewissen Zeitraum zu bedienen haben. Manche Täuschungen sind schwerwiegend, etwa wenn sie einen Vertrag unterzeichnen mussten, ohne zu wissen, dass damit umfangreiche Überwachung und Freiheitseinschränkung verbunden sind. Ebenso wenn bei der Unterzeichnung nicht klar war, wie viel die ausländische Währung eigentlich wert ist oder der Vertrag in einer fremden Sprache verfasst war. Für Migrantinnen ist es schwer, im Vorfeld die Angaben der Vermittler, die ihnen falsche Papiere besorgen, zu überprüfen. Diese Unwissenheit macht sie im Zielland besonders verletzlich. Allzu oft sind die Agenten zugleich Familienmitglieder oder Freunde der Ausreisewilligen. Einige ziehen enormen Nutzen aus dieser Situation. Sie halten persönliche Dokumente zurück und bedrohen die Migrantinnen und deren Familien. Andere nutzen weniger offensichtliche Taktiken und setzen auf die psychologische Abhängigkeit der Neuankömmlinge und ihre anfängliche Desorientiertheit an einem unbekannten Ort. Studien zu migrantischer Sexarbeit haben gezeigt, dass sogar wenn Migrantinnen erklären, sie seien getäuscht worden, sie sich gewöhnlich über die vorherrschenden Arbeitsbedingungen beschweren, aber nicht über den sexuellen Aspekt ihrer Arbeit per se. Häufig bevorzugen sie es, aufgrund des großen Verdienstes in der Sexindustrie zu bleiben, allerdings nur unter weniger ausbeuterischen Konditionen. Ihre Schulden in möglichst kurzer Zeit zurückzuzahlen ist das primäre Ziel fast aller Migrantinnen. Die Erzählungen von vielen Sexarbeiterinnen machen deutlich, dass ihr Fokus pragmatisch und auf die Zukunft gerichtet ist. Sie wollen nicht als hilflose Opfer von strukturellen Verhältnissen gesehen werden, sondern als selbständige Akteurinnen und Gestalterinnen einer selbst bestimmten Zukunft.
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Bildnachweis© Susanne Hofmann, 2006 Inhaltsverzeichnis
Editorial Sexarbeit und weibliche Migration: Hoffnung auf ein besseres Leben Frauenhandel in Argentinien: Es gibt wieder Verschwundene. Interview mit Sara Torres Reportage: In den Spiegel schauen fällt schwer Feministische Debatte: Prostitution oder Sexarbeit? Die Macht der Klischees: Fuck Me Like The Whore I Am Selbstorganisation: Nach der Hurenbewegung Freier-Motive: Sexuelle Freiheit oder Verführung zum Konsum? Alltagsbilder: Imagens Da Vida Peacekeeping-Missionen & Sexarbeit: Ist der Ruf erst ruiniert Übersichtskarte: Prostitution in Europa
REZENSIONEN ZUM SCHWERPUNKT Laura María Agustín: Emilija Mitrovic (Hg.): Sabine Grenz & Martin Lücke (Hg.): Ingrid Strobl: WEITERE REZENSIONEN Howard Zinn: Mike Davis: Werner Rammert/Cornelius Schubert (Hg.): Rolf Gössner: LITERATUR Christoph Hein: Cormac McCarthy: Literaturportrait: B. Traven. Tote, die noch nicht gestorben sind
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