sul serio #13 WARE LUST MACHT ARBEIT

Die Rädchen der Prostitution

von Dorothea Müth

Der Titel verspricht, gesellschaftliche Prozesse und Positionen der Prostitution zu erklären. Tatsächlich gelingt es den versammelten Aufsätzen, mit einem von Michel Foucault geprägten Blick, das ‚Phänomen’ Prostitution als eine gut funktionierende Macht-Wissen-Ökonomie zu entfalten. Tagtäglich halten vielfältige Akteure das Prostitutionsgewerbe aufrecht: Devianzforscher und expressionistische Dichter, reiche Leute, die Gegenwerte für ihr Geld brauchen, Filmemacher und Romanleser, Gesetzgeber, GenderwissenschaftlerInnen – sie alle drehen die Rädchen der Prostitution.

In der mitreißenden Ein­lei­tung beschreiben Sabine Grenz und Martin Lücke die Geschichte der Pros­ti­tu­tions­for­schung – um sie und ihre ‚Errungen­schaften’ sogleich vorzuführen: Ihre Begriffe und Erkenntnisse vermögen der Realität der Prostitution nie gerecht zu werden. Nicht nur Kategorien wie männlich/weiblich und Homo/Hetero, sondern auch Kunde/Dienstleister/Angestellte/Chef und Subjekt/Objekt der Forschung zerspringen, wenn in Wirklichkeit „gleichzeitig verschiedene Seiten aller dieser Rollen im Leben von ein- und derselben Person präsent sind“.

Bettina Mathes stellt verwandtschaftliche Beziehungen zwischen Psycho­analyse und Prosti­tution heraus: die Stunden­miete von Bett oder Couch, die Neigung des/r KundIn, die eigene Liebe auf AnalytikerIn oder Callgirl/-boy zu übertragen, welche sich wiederum dieser Liebe gegenüber abstinent verhalten sollen. Wenn die Psychoanalytiker Freud und Lacan sich bemühten, Behandlungsregeln und ein Ethos für ihren Beruf aufzustellen, kann das als konstitu­tiver Abgrenzungsversuch vom Prostitutionsgewerbe gedeutet werden. Nicola Behrmann dekonstruiert die ‚Hure’ in literarischen Texten der 1930er Jahre als körperliches Symbol für eine Gesellschaft, die sich auf der Schwelle zur Moderne befindet.

Von einer interdisziplinären Blumenlese (Anthologie) hätte eine/r sich jedoch Austausch zwischen den Fächern und klarere Positionen zum eigenen Stoff gewünscht. Gerade ein gemeinsames Nachdenken über (sozial)wissenschaft­lichen Deutungen der Prostitution einer­seits und die kunstwissenschaftlichen Interpretationen dieser Deutungen andererseits wären spannend gewesen. Auch der Schluss Wissenschaftliche Diskurse und ihre Reichweite kommt merkwürdig gehemmt daher. Schade, dass die AutorInnen nicht den Mut hatten, explizit zu fragen: Was bringt die Wissenschaft der Prostitution? Damit hätten sie sich in diesem Buch auseinandersetzen und gesellschaftlich Position beziehen sollen.

 

Sabine Grenz & Martin Lücke (Hg.):

Verhandlungen im Zwielicht.
Momente der Prostitution in Geschichte und Gegenwart.

transcript, 2006.
347 S., 29,80 EUR

Inhaltsverzeichnis

Editorial
Die Redaktion

Sexarbeit und weibliche Migration: Hoffnung auf ein besseres Leben
Susanne Hofmann   

Frauenhandel in Argentinien: Es gibt wieder Verschwundene. Interview mit Sara Torres
Judith Götz

Reportage: In den Spiegel schauen fällt schwer
Miriam Seemann

Feministische Debatte: Prostitution oder Sexarbeit?
Fünf Fragen an Emilija Mitrovic und Ingrid Strobl

Die Macht der Klischees: Fuck Me Like The Whore I Am
Charlotte Wild

Selbstorganisation: Nach der Hurenbewegung
Zwei Mitarbeiterinnen von Hydra e.V. im Gespräch   

Freier-Motive: Sexuelle Freiheit oder Verführung zum Konsum?
Sabine Grenz

Alltagsbilder: Imagens Da Vida
Miriam Müller und Daniel Seiffert

Peacekeeping-Missionen & Sexarbeit: Ist der Ruf erst ruiniert
Bettina Engels

Übersichtskarte: Prostitution in Europa
Die Redaktion

Medienhype und Kinderprostitution: Was geschah zwischen Dubí und Cheb?
Daniel Schmidt

Repression gegen Prostituierte in Frankfurt/Main: Platzverweis für Tänzerinnen
Juanita Henning / Doña Carmen e.V.

Prostitutionsgesetz: Die Rechte der Prostituierten
Anja Schmidt

Männliche Prostitution: Sie nennen sich Jungs
Christian Schröder

KZ-Bordelle: Vom nackten Menschen
Susanne Beer

 

REZENSIONEN ZUM SCHWERPUNKT

Laura María Agustín:
Sex at the Margins

Emilija Mitrovic (Hg.):
Prostitution und Frauenhandel

Gregor Gall:
Sex Worker Union Organising

Sabine Grenz & Martin Lücke (Hg.):
Verhandlungen im Zwielicht

Ingrid Strobl:
Es macht die Seele kaputt

WEITERE REZENSIONEN

Howard Zinn:
Eine Geschichte des amerikanischen Volkes

Mike Davis:
Planet der Slums

Werner Rammert/Cornelius Schubert (Hg.):
Technografie

Rolf Gössner:
Menschenrechte in Zeiten des Terrors

LITERATUR

Christoph Hein:
Frau Paula Trousseau

Cormac McCarthy:
Die Straße

Literaturportrait: B. Traven. Tote, die noch nicht gestorben sind
Mathias Brandstädter

 

Zuletzt aktualisiert am 28.04.2008 von Christian Schröder
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