sul serio #13 WARE LUST MACHT ARBEIT

Diskurse der Mittelschicht

von Susanne Hofmann

Migrantische SexarbeiterInnen werden von Politik, Medien und Hilfs­ein­richtungen oft als Opfer von Menschen­handel diskutiert. Mit Sex at the Margins kritisiert die Soziologin Laura María Agustín rechte wie linke Medien für ihre sensationslüsterne Bearbeitung des Themas Prostitution und Frauenhandel. Sie beanstandet, dass die rescue industry – das Konglomerat aus NGOs, Hilfsinstitutionen und Regierungseinrichtungen mit Fokus auf Migration und Sexarbeit – keine eigenständigen Diskurse produziere, sondern den herrschenden Prosti­tutionsdiskurs übernehme. Dort fungiert die Prostituierte bloß als Opfer von sozialen und ökonomischen Verhältnissen.

Prostitution wird auf Gewalt und Ausbeutung reduziert. Dies erwirkt abolitionistische Politiken – mit fatalen Folgen für tausende illegalisierte MigrantInnen, die ihr Geld in der Sexindustrie verdienen. Agustín zählt sich zu den postkolonialen KritikerInnen, die eine paternalistische Einmischung von EuropäerInnen in die Lebensrealitäten von Nicht-EuropäerInnen strikt ablehnen, selbst wenn diese feministisch motiviert ist. Sie wirft Medien, Wissenschaft, Regierungen und NGOs vor, MigrantInnen zu infantilisieren, und verweist auf Erfahrungsberichte von aus Europa zurückkehrenden lateinamerikanischen MigrantInnen, die sich nicht in den gegenwärtigen Opferdiskurs einfügen. Sexarbeit ist für die mobilen SexarbeiterInnen eine temporäre Beschäftigung, die sie als Mittel zum Zweck ausüben und unter den verfügbaren Optionen des Einkommenserwerbs bevorzugen. Die von ihr als bene­volent helper oder ‚Gut­menschen’ bezeichneten Un­ter­stützerIn­nen verneinen die Handlungs­fähigkeit von Mi­grantIn­nen in der Sex­in­dustrie und stellen sie als passive Subjekte dar, während die HelferInnen selbst als wichtige EntscheidungsträgerInnen auftreten.

Agustín kritisiert die professionellen AktivistInnen aus der Mittelschicht scharf. Sie reduziert deren selbst gewählte Mission auf ein pseudo-altruistisches Rettungsprojekt, welchem das Motiv der Kontrolle seiner Hilfssubjekte aus der Arbeiterschicht zu Grunde liegt. Dabei übersieht sie aber, dass es innerhalb der rescue industry ernst gemeintes soziales und politisch motiviertes Engagement gibt, welches politische Veränderungen bewirken kann – sofern es an der sozialen Basis ausgerichtet ist. Agustíns Buch ist ein kritischer Appell an AktivistInnen im Migrationsbereich, die eigenen Agenden und Diskurse an den Erfahrungen von SexarbeiterInnen auszurichten.

 

Laura María Agustín:

Sex at the Margins: Migration, Labour Markets and the Rescue Industry.

Zed Books, 2007.
224 S., 22,95 EUR

Inhaltsverzeichnis

Editorial
Die Redaktion

Sexarbeit und weibliche Migration: Hoffnung auf ein besseres Leben
Susanne Hofmann   

Frauenhandel in Argentinien: Es gibt wieder Verschwundene. Interview mit Sara Torres
Judith Götz

Reportage: In den Spiegel schauen fällt schwer
Miriam Seemann

Feministische Debatte: Prostitution oder Sexarbeit?
Fünf Fragen an Emilija Mitrovic und Ingrid Strobl

Die Macht der Klischees: Fuck Me Like The Whore I Am
Charlotte Wild

Selbstorganisation: Nach der Hurenbewegung
Zwei Mitarbeiterinnen von Hydra e.V. im Gespräch   

Freier-Motive: Sexuelle Freiheit oder Verführung zum Konsum?
Sabine Grenz

Alltagsbilder: Imagens Da Vida
Miriam Müller und Daniel Seiffert

Peacekeeping-Missionen & Sexarbeit: Ist der Ruf erst ruiniert
Bettina Engels

Übersichtskarte: Prostitution in Europa
Die Redaktion

Medienhype und Kinderprostitution: Was geschah zwischen Dubí und Cheb?
Daniel Schmidt

Repression gegen Prostituierte in Frankfurt/Main: Platzverweis für Tänzerinnen
Juanita Henning / Doña Carmen e.V.

Prostitutionsgesetz: Die Rechte der Prostituierten
Anja Schmidt

Männliche Prostitution: Sie nennen sich Jungs
Christian Schröder

KZ-Bordelle: Vom nackten Menschen
Susanne Beer

 

REZENSIONEN ZUM SCHWERPUNKT

Laura María Agustín:
Sex at the Margins

Emilija Mitrovic (Hg.):
Prostitution und Frauenhandel

Gregor Gall:
Sex Worker Union Organising

Sabine Grenz & Martin Lücke (Hg.):
Verhandlungen im Zwielicht

Ingrid Strobl:
Es macht die Seele kaputt

WEITERE REZENSIONEN

Howard Zinn:
Eine Geschichte des amerikanischen Volkes

Mike Davis:
Planet der Slums

Werner Rammert/Cornelius Schubert (Hg.):
Technografie

Rolf Gössner:
Menschenrechte in Zeiten des Terrors

LITERATUR

Christoph Hein:
Frau Paula Trousseau

Cormac McCarthy:
Die Straße

Literaturportrait: B. Traven. Tote, die noch nicht gestorben sind
Mathias Brandstädter

 

Zuletzt aktualisiert am 28.04.2008 von Christian Schröder
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