sul serio #13 WARE LUST MACHT ARBEIT

Slum City

von Christian Schröder


Zurzeit erleben wir die ‚urbane Wende’ der Menschheit. Zum ersten Mal leben weltweit mehr Menschen in Städten als auf dem Land. Doch leben sie vor allem in den städtischen Elendsvierteln der Dritten Welt. Schon jetzt zählt die globale Slumbevölkerung eine Milliarde Menschen.

Dies ist der Ausgangspunkt von Planet der Slums des US-amerikanischen Soziologen Mike Davis. In rasantem Tempo liefert er Zahlen und Daten zur globalen Slum­ent­wick­lung und nimmt seine Leser­Innen mit auf eine Rei­se rund um den Globus zu den gi­gan­ti­schen Elends­vierteln in Afrika, Südamerika und Asien. Empi­ri­sche Grundlage seiner Aus­führungen ist der UN-Habitat-Bericht The Challenge of Slums von 2003, die „erste wirklich globale Bestandsaufnahme urbaner Armut”, in der erstmals auch China und die Länder der Ex-Sowjetunion mit einbezogen werden.

Mega-Slums mit bis zu vier Millionen EinwohnerInnen wie in Mexiko-Stadt sind relativ jung. Nach der Entkolonialisierung in den 1960er Jahren entwickelten sich die Slums in den Metropolen des Südens rasant. Doch die Expansion der Städte geht ohne Industrialisierung und aufnahmefähige Arbeitsmärkte einher. Zugleich haben die Vorgaben des IWF dessen Schuldnerländern große Umstrukturierungen zu Lasten der Armen abgefordert.

Die urbane Segregation ist für Davis deshalb ein „endloser sozia­ler Krieg, in dem der Staat regel­mäßig im Namen von ‚Fort­schritt’, ‚Stadt­ver­schöner­ung’ und sogar ‚sozialer Ge­rechtig­keit für die Armen’ eingreift, um die räumlichen Grenzen zugunsten von Grund­eigentümern, aus­ländischen Investoren und Mittel­klassen neu zu ziehen.”

Scharf kritisiert Davis die Welt­bank, die seit Ende der 1980er Jahre das Kleinst­unter­nehmertum als Lösung städti­scher Armut propagiert. Diese in­for­melle Arbeit sei keine Wachs­tums­per­spek­tive, sondern „ein le­ben­des Museum der mensch­lichen Aus­beu­tung” in einem uner­bittlichen Kon­kur­renz­kampf. So kann die rasant wachsende „informelle globale Ar­beiter­klasse” keine kollektive Hand­lungs­fähigkeit erlangen.

Planet der Slums ist eine apo­­ka­lyp­tische Warnung vor den Fol­gen neoli­bera­ler Glo­ba­li­sierung und der Kata­strophe städtischer Armut. Die Be­woh­nerIn­nen der informellen Siedlungen selbst kommen in dem Buch aller­dings nicht zu Wort. Davis hat ihre Baracken­siedlungen nicht einmal betreten. Ein weiteres Buch will Vielschreiber Mike Davis bald dem Widerstand der SlumbewohnerInnen widmen.

 

Mike Davis:

Planet der Slums

Assoziation A, 2007.
248 S., 20 EUR

Inhaltsverzeichnis

Editorial
Die Redaktion

Sexarbeit und weibliche Migration: Hoffnung auf ein besseres Leben
Susanne Hofmann   

Frauenhandel in Argentinien: Es gibt wieder Verschwundene. Interview mit Sara Torres
Judith Götz

Reportage: In den Spiegel schauen fällt schwer
Miriam Seemann

Feministische Debatte: Prostitution oder Sexarbeit?
Fünf Fragen an Emilija Mitrovic und Ingrid Strobl

Die Macht der Klischees: Fuck Me Like The Whore I Am
Charlotte Wild

Selbstorganisation: Nach der Hurenbewegung
Zwei Mitarbeiterinnen von Hydra e.V. im Gespräch   

Freier-Motive: Sexuelle Freiheit oder Verführung zum Konsum?
Sabine Grenz

Alltagsbilder: Imagens Da Vida
Miriam Müller und Daniel Seiffert

Peacekeeping-Missionen & Sexarbeit: Ist der Ruf erst ruiniert
Bettina Engels

Übersichtskarte: Prostitution in Europa
Die Redaktion

Medienhype und Kinderprostitution: Was geschah zwischen Dubí und Cheb?
Daniel Schmidt

Repression gegen Prostituierte in Frankfurt/Main: Platzverweis für Tänzerinnen
Juanita Henning / Doña Carmen e.V.

Prostitutionsgesetz: Die Rechte der Prostituierten
Anja Schmidt

Männliche Prostitution: Sie nennen sich Jungs
Christian Schröder

KZ-Bordelle: Vom nackten Menschen
Susanne Beer

 

REZENSIONEN ZUM SCHWERPUNKT

Laura María Agustín:
Sex at the Margins

Emilija Mitrovic (Hg.):
Prostitution und Frauenhandel

Gregor Gall:
Sex Worker Union Organising

Sabine Grenz & Martin Lücke (Hg.):
Verhandlungen im Zwielicht

Ingrid Strobl:
Es macht die Seele kaputt

WEITERE REZENSIONEN

Howard Zinn:
Eine Geschichte des amerikanischen Volkes

Mike Davis:
Planet der Slums

Werner Rammert/Cornelius Schubert (Hg.):
Technografie

Rolf Gössner:
Menschenrechte in Zeiten des Terrors

LITERATUR

Christoph Hein:
Frau Paula Trousseau

Cormac McCarthy:
Die Straße

Literaturportrait: B. Traven. Tote, die noch nicht gestorben sind
Mathias Brandstädter

 

Zuletzt aktualisiert am 28.04.2008 von Christian Schröder
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