sul serio #13 WARE LUST MACHT ARBEIT

Junkiefrauen auf dem Strich

von Christian Schröder

„Auf der einen Seite braucht man das Geld vom Anschaffen, um die Droge zu finanzieren, und auf der anderen Seite die Droge, um anschaffen zu gehen“, erzählt Bettina. „Das ist ein Teufelskreis.“ Seit ihrem 14. Lebensjahr prostituiert sie sich. Fast 23 Jahre lang ist sie heroinabhängig. Die 38-Jährige ist eine von 14 drogenabhängigen Prostituierten, welche die in Köln lebende Journalistin Ingrid Strobl für ihr Buch interviewt hat. Fast alle Frauen sind seit mehr als 20 Jahren in der Sucht gefangen.

Im ersten Teil portraitiert Strobl ausführlich die Lebens- und Leidensgeschichte dreier Frauen, Regine, Marylin und Diana, die die Erfahrung von Heroinabhängigkeit und Beschaffungsprostitution gemacht haben: Regine hat sich inzwischen den goldenen Schuss gesetzt, Marylin hat den Ab­sprung geschafft und Diana gerade eine Entgiftung hinter sich.

Anschließend erzählt Strobl die Geschichten der 14 Frauen, von denen die meisten noch anschaffen, einige aber auch den Ausstieg geschafft haben – zumindest vorläufig. Denn clean zu werden – und zu bleiben – ist schwierig. Die Frauen berichten von traumatischen Erlebnissen in ihrer Kindheit und Jugend, ihren ersten Erfahrungen mit Heroin und der Prostitution und wie der Kreislauf „Anschaffen, Stoff beschaffen, wieder anschaffen“ zu ihrer alltäglichen Routine geworden ist. Strobl fragt die Frauen auch danach, wie sie ihre Liebesbeziehungen erleben, was ihre Kinder ihnen bedeuten, wovon sie träumen und wie sie um ihr Überleben kämpfen. Abschließend stellt die Journalistin drei Sozialprojekte für Junkiefrauen in Köln, Frankfurt und Hamburg vor.

Strobl wollte kein Buch über Junkiefrauen schreiben, sondern in deren Auftrag. Das ist ihr gelungen. Sie betreibt keinen Voyeurismus, obwohl die Lebensgeschichten der Frauen der Stoff sind, aus dem Alpträume gemacht sind. Strobls Buch nimmt die Frauen ernst. Es porträtiert Menschen mit ihren Ängsten, Hoffnungen und Träumen. Es zeichnet ein ebenso sensibles wie einfühlsames Bild von den anschaffenden Frauen. Es gelingt ihr, weder effekthei­schend noch moralisierend, sondern nüchtern und parteiisch Portraits voller Würde und Respekt zu schreiben.

 

Ingrid Strobl:

"Es macht die Seele kaputt".
Junkiefrauen auf dem Strich.

Orlanda, 2006.
220 S., 18,50 EUR

Inhaltsverzeichnis

Editorial
Die Redaktion

Sexarbeit und weibliche Migration: Hoffnung auf ein besseres Leben
Susanne Hofmann   

Frauenhandel in Argentinien: Es gibt wieder Verschwundene. Interview mit Sara Torres
Judith Götz

Reportage: In den Spiegel schauen fällt schwer
Miriam Seemann

Feministische Debatte: Prostitution oder Sexarbeit?
Fünf Fragen an Emilija Mitrovic und Ingrid Strobl

Die Macht der Klischees: Fuck Me Like The Whore I Am
Charlotte Wild

Selbstorganisation: Nach der Hurenbewegung
Zwei Mitarbeiterinnen von Hydra e.V. im Gespräch   

Freier-Motive: Sexuelle Freiheit oder Verführung zum Konsum?
Sabine Grenz

Alltagsbilder: Imagens Da Vida
Miriam Müller und Daniel Seiffert

Peacekeeping-Missionen & Sexarbeit: Ist der Ruf erst ruiniert
Bettina Engels

Übersichtskarte: Prostitution in Europa
Die Redaktion

Medienhype und Kinderprostitution: Was geschah zwischen Dubí und Cheb?
Daniel Schmidt

Repression gegen Prostituierte in Frankfurt/Main: Platzverweis für Tänzerinnen
Juanita Henning / Doña Carmen e.V.

Prostitutionsgesetz: Die Rechte der Prostituierten
Anja Schmidt

Männliche Prostitution: Sie nennen sich Jungs
Christian Schröder

KZ-Bordelle: Vom nackten Menschen
Susanne Beer

 

REZENSIONEN ZUM SCHWERPUNKT

Laura María Agustín:
Sex at the Margins

Emilija Mitrovic (Hg.):
Prostitution und Frauenhandel

Gregor Gall:
Sex Worker Union Organising

Sabine Grenz & Martin Lücke (Hg.):
Verhandlungen im Zwielicht

Ingrid Strobl:
Es macht die Seele kaputt

WEITERE REZENSIONEN

Howard Zinn:
Eine Geschichte des amerikanischen Volkes

Mike Davis:
Planet der Slums

Werner Rammert/Cornelius Schubert (Hg.):
Technografie

Rolf Gössner:
Menschenrechte in Zeiten des Terrors

LITERATUR

Christoph Hein:
Frau Paula Trousseau

Cormac McCarthy:
Die Straße

Literaturportrait: B. Traven. Tote, die noch nicht gestorben sind
Mathias Brandstädter

 

Zuletzt aktualisiert am 28.04.2008 von Christian Schröder
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