sul serio #13 WARE LUST MACHT ARBEIT

Sexarbeit und ihre gewerkschaftliche Organisation

von Lars Stubbe

Der Sammelband Prostitution und Frauenhandel fasst die Ergebnisse einer von der Ge­werk­schaft ver.di und der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) 2005 organisierten Konferenz zum Thema zusammen. Er verdeutlicht, wie viel Aufklärungsarbeit über die Rolle der SexarbeiterInnen innerhalb von Gesellschaft und Gewerkschaft noch nötig ist. Denn Sexarbeit und Frauen­handel werden vielfach noch als untrennbares Problem diskutiert: Für die FES betont etwa Judith Schwethelm die Not­wendigkeit, „die Lebens­situation von Frauen in Mittel- und Osteuropa zu verbessern“, um weitere Mi­gra­tion und damit mögliche Illega­li­tät und Zwangs­prostitution zu verhindern – eine Fort­schreibung der Sicht auf Prostituierte als Opfer. Auch die Gewerkschaften scheinen von einer selbstbewuss­ten Organisation der Sex­arbei­terInnen noch weit entfernt: So spricht auch Dorothea Müller (ver.di) vor allem davon, gegen Menschenhandel, Gewalt und Ausbeutung in der Zwangs­pros­ti­tution tätig zu werden, eine Auf­klärungs­kampagne über Lebens- und Arbeitsbedin­gungen zu führen und politische Lobbyarbeit für Prostituierte und gehandelte Frauen durchzuführen.

Wer mehr über die rechtliche Lage der SexarbeiterInnen in vielen europäischen Ländern wissen will, wird den Band sehr nützlich finden, denn er enthält prägnante Berichte und Einschätzungen zu den verschiedenen Prostitu­tionsgesetzen. Emilija Mitrovic kommt für die deutsche Situation zu dem Schluss, das neue Prostitutions­gesetz sei positiv zu beurteilen, weil es den SexarbeiterInnen klare Rechte verbrieft. Trotzdem macht sie klar, die konkrete Situation der Prostituierten hat sich aufgrund der herrschenden gesellschaftlichen Doppelmoral hat sich bisher nur wenig geändert. Und die der illegalisierten MigrantInnen im Gewerbe gar nicht. Zusätzlich wird auf die Konferenz des Internationalen Komitees für die Rechte von Prostituierten im Jahr 2005 eingegangen. Ihre wesentlichen Dokumente sind abgedruckt.

Im Gegensatz zu ver.di hält Gregor Gall das Thema Or­gani­sierung für zentral: Er lotet die sozialistischen Veränderungs­potenziale aus, welche in der gewerkschaftlichen Organisation von SexarbeiterInnen liegen. Dabei will er abseits des „femi­nistischen Sexkriegs“ zwischen den gegensätzlichen Po­si­tionen – Abo­li­tio­nis­mus und Selbst­emanzipation – blei­ben. Indem er den sexuellen Arbeitsprozess analysiert, versucht Gall zu bestimmen, ob Sexarbeit als Lohnarbeit betrachtet werden kann. Da Sexarbeiterinnen „ihre Arbeitsvermögen“ und damit ihre Zeit verkauften, übten sie „Lohnarbeit“ aus: Prostitution ist also in den Gesamtprozess der kapitalistischen Akkumulation einzuordnen, die gewerkschaftliche Selbstorganisation der SexarbeiterInnen ist möglich. Galls genaue Bestimmung der Sexarbeit als Lohnarbeit stellt einen Fortschritt dar, nicht nur gegenüber der fruchtlosen Kontroverse zwischen radikalem und libertärem Feminismus, sondern auch in Bezug auf die marxis­tische Diskussion über produktive versus unproduktive Arbeit.

Ein weiterer Teil des Buches ist der jüngeren Geschichte der Organisierung von Sexar­beiterInnen in den USA, Groß­britannien, Australien, den Niederlanden, Deutschland, Kanada und Neuseeland gewidmet. Dabei stehen die Faktoren, welche die Organisierung fördern oder behindern, im Vordergrund.

Grundsätzlich interpretiert Gall die Or­ga­nisierungsversuche als Re­ak­tion auf den allgemeinen Niedergangs des Klassen­kampfs. Abschließend legt er einige Vorschläge für eine bessere Organisierung der Sex­arbeiterInnen vor. So sollten die Gewerkschaften enger mit anderen sozialen Bewegungen zusammenarbeiten. Auch könnten ‚adult entertainment workers’ einbezogen werden, die sich selbst nicht unbedingt als ‚Sex­arbeiterInnen‘ verstehen.

Gall geht es um ein trotzkistisch geprägtes Übergangs­programm hin zum Sozialismus, in dem der Kampf der Sex­ar­beiterInnen um gesellschaftliche Gerechtigkeit mit dem allgemeinen Kampf um gesellschaftliche Gerechtigkeit zusammenfließt. Schon Marx hatte die Prostitution nur als einen besonderen Ausdruck der allgemeinen Prostitution des Arbeiters analysiert. Galls Verdienst ist es, anhand der neueren Entwicklungen in diesem Feld den Zusammenhang zwischen gewerkschaftlicher (Selbst)Organisierung und Sozialismus wieder thematisiert zu haben. Allerdings führt der vollständige Verzicht auf eigene empirische Forschungen auch dazu, dass die Studie wenig greifbar wirkt.

 

Emilija Mitrovic (Hrsg.):

Prostitution und Frauenhandel: Die Rechte von Sexarbeiterinnen stärken! Ausbeutung und Gewalt in Europa bekämpfen!

VSA Verlag, 2006.
160 S., 12,80 EUR

 

 

Gregor Gall:

Sex Worker Union Organising: An international Study.

Palgrave Macmillan, 2006.
264 S., ca. 83,50 EUR

Inhaltsverzeichnis

Editorial
Die Redaktion

Sexarbeit und weibliche Migration: Hoffnung auf ein besseres Leben
Susanne Hofmann   

Frauenhandel in Argentinien: Es gibt wieder Verschwundene. Interview mit Sara Torres
Judith Götz

Reportage: In den Spiegel schauen fällt schwer
Miriam Seemann

Feministische Debatte: Prostitution oder Sexarbeit?
Fünf Fragen an Emilija Mitrovic und Ingrid Strobl

Die Macht der Klischees: Fuck Me Like The Whore I Am
Charlotte Wild

Selbstorganisation: Nach der Hurenbewegung
Zwei Mitarbeiterinnen von Hydra e.V. im Gespräch   

Freier-Motive: Sexuelle Freiheit oder Verführung zum Konsum?
Sabine Grenz

Alltagsbilder: Imagens Da Vida
Miriam Müller und Daniel Seiffert

Peacekeeping-Missionen & Sexarbeit: Ist der Ruf erst ruiniert
Bettina Engels

Übersichtskarte: Prostitution in Europa
Die Redaktion

Medienhype und Kinderprostitution: Was geschah zwischen Dubí und Cheb?
Daniel Schmidt

Repression gegen Prostituierte in Frankfurt/Main: Platzverweis für Tänzerinnen
Juanita Henning / Doña Carmen e.V.

Prostitutionsgesetz: Die Rechte der Prostituierten
Anja Schmidt

Männliche Prostitution: Sie nennen sich Jungs
Christian Schröder

KZ-Bordelle: Vom nackten Menschen
Susanne Beer

 

REZENSIONEN ZUM SCHWERPUNKT

Laura María Agustín:
Sex at the Margins

Emilija Mitrovic (Hg.):
Prostitution und Frauenhandel

Gregor Gall:
Sex Worker Union Organising

Sabine Grenz & Martin Lücke (Hg.):
Verhandlungen im Zwielicht

Ingrid Strobl:
Es macht die Seele kaputt

WEITERE REZENSIONEN

Howard Zinn:
Eine Geschichte des amerikanischen Volkes

Mike Davis:
Planet der Slums

Werner Rammert/Cornelius Schubert (Hg.):
Technografie

Rolf Gössner:
Menschenrechte in Zeiten des Terrors

LITERATUR

Christoph Hein:
Frau Paula Trousseau

Cormac McCarthy:
Die Straße

Literaturportrait: B. Traven. Tote, die noch nicht gestorben sind
Mathias Brandstädter

 

Zuletzt aktualisiert am 28.04.2008 von Christian Schröder
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