sul serio #13 WARE LUST MACHT ARBEIT

Der Standpunkt des Geschichtenerzählers

Howard Zinns Standardwerk Eine Geschichte des Amerikanischen Volkes erscheint nach 27 Jahren zum ersten Mal auf Deutsch – und hat nichts von seiner Aktualität eingebüßt.

von Sarah Ernst

Henry Kissinger definiert Geschichte als ‚Erinnerung der Staaten’. Die Antithese dazu formuliert Howard Zinn mit seiner Sozialgeschichte der USA. Für ihn sind „Nationen keine Gemeinschaften und waren es noch nie. Die Geschichte jedes Landes, die uns als Geschichte einer Familie präsentiert wird, verbirgt bittere Interessenskonflikte“.

Von Kolumbus bis zum ‚Krieg gegen den Terrorismus’ spannt sich der Bogen dieser People`s History, die – so umfassend sie mit ihren über 600 Seiten auch ist – keinen alleinigen Wahrheitsanspruch vertritt. Als Historiker kennt Zinn Schwächen und Faszination seines Metiers, und sein Rückblick auf die vergangenen 500 Jahre weißer Vorherrschaft in der ‚Neuen Welt Amerika’ unterscheidet sich fundamental von dem, was üblicherweise als Geschichtsschreibung betrachtet und gelehrt wird.

Zinn bezieht Stellung und schreibt über die Unterlegenen, beleuchtet die Position der Besiegten und versucht die Situation jener zu schildern, die oft nur als Fußnote neben den großen Taten anderer erwähnt werden. Dies gelingt ihm anschaulich und ohne Romantisierungen, scheut er sich doch nicht, auch die „Grausamkeiten [anzusprechen], welche die Opfer einander antun“. Zeugnisse von Lebensweisen, Arbeits­be­dingungen, Hoffnungen und Konflikten stehen hier neben den vermeintlich so bedeutenden historischen Daten und Namen, an denen wir uns normalerweise durch Zeitabläufe hangeln. Daraus ersteht ein farbiges Panorama, eine Geschichte Amerikas abseits der gegebenen Geschichtsschreibung.

Denn diese ist ebenso wenig objektiv wie andere Wissen­schaften auch und weist ideo­logische Lücken und weiße Flecken auf. Wenn etwa von ‚Zeiten des Friedens’ die Rede ist, wird oft unterschlagen, dass dieser nur für eine privilegierte und prozentual verschwindend kleine Gruppe von Menschen gilt. All diejenigen, deren Leben tagtäglich bedroht war und ist, werden dabei stillschweigend übergangen. Sie werden nicht vergessen, sondern spielen schlicht keine Rolle.

Gegen diese Scheuklappen schreibt Zinn an, denn „ein Grund, warum diese Gräuel immer noch unter uns sind, ist, dass wir gelernt haben, sie unter Massen von anderen Fakten zu begraben, so wie radioaktiver Müll in Containern in der Erde vergraben wird. Wir haben gelernt, ihnen genau das Maß an Auf­merk­samkeit zu widmen, das Lehrer und Autoren ihnen [...] zugestehen. Dieses erlernte Gefühl für moralische Größenverhältnisse, das der scheinbaren Objektivität der Gelehrten entspringt, neh­men wir leichter an, als wenn es von Politikern auf Presse­konferenzen stammt. Aus diesem Grund ist es auch tödlicher.“

Diesen zentralen Ansatz seines Buchs verliert Zinn nie aus den Augen, er seziert unser Geschichtsverständnis regelrecht. Den ersten Schnitt setzt er bei den westlichen Grün­dungsgeschichten an, die sich um die ‚Entdeckung’ Amerikas ranken. Seine Dar­stellung stützt sich auf Aus­sagen der europäischen Er­oberer, Ansichten späterer SiedlerInnen, Beobachtungen von Priestern und Stimmen von Histori­kerIn­nen, welche die Koloniali­sierung ihrerseits analysiert haben. Die Kolonialisierten konnten kaum Zeugnisse hinterlassen, welche die Eroberung aus ihrer Sicht schildern. Sie sind die ersten beiseite geschobenen Toten in einer langen Liste der Geschichte der westlichen Moderne. Für Zinn ist klar, „die stille Hinnahme von Mord und Eroberung im Namen des Fortschritts ist nur ein Aspekt einer bestimmten Herangehensweise an Geschichte, bei der die Vergangenheit aus der Sicht von Regierungen, Eroberern, Diplomaten und Anführern erzählt wird.“

Zinn ist ein streitbarer Zeit­genosse und seine Inter­pretation historischer Ereig­nisse verweigert sich brüsk dem Mainstream. Nicht zuletzt, da er auf jede Form von Rück­sichtnahme verzichtet und ungeliebte Wahrheiten beim Namen nennt. Dies beinhaltet die schonungslose Ent­schleierung nationaler (Grün­dungs-)Mythen: von Poca­hontas über die angeblich nötige Abwehr illegaler Immi­grantInnen bis hin zu offiziellen Krieggründen. Schon allein durch die Themenwahl bezieht Zinn eindeutig Position. Wer bereit ist, sich darauf einzulassen, wird belohnt werden und in Zinns Buch ein anregendes, faktenreiches und verständliches Grundlagenwerk entdecken.

Howard Zinn:

Eine Geschichte des amerikanischen Volkes.

SCHWARZERFREITAG, 2007
690 S., 28,80 EUR

Inhaltsverzeichnis

Editorial
Die Redaktion

Sexarbeit und weibliche Migration: Hoffnung auf ein besseres Leben
Susanne Hofmann   

Frauenhandel in Argentinien: Es gibt wieder Verschwundene. Interview mit Sara Torres
Judith Götz

Reportage: In den Spiegel schauen fällt schwer
Miriam Seemann

Feministische Debatte: Prostitution oder Sexarbeit?
Fünf Fragen an Emilija Mitrovic und Ingrid Strobl

Die Macht der Klischees: Fuck Me Like The Whore I Am
Charlotte Wild

Selbstorganisation: Nach der Hurenbewegung
Zwei Mitarbeiterinnen von Hydra e.V. im Gespräch   

Freier-Motive: Sexuelle Freiheit oder Verführung zum Konsum?
Sabine Grenz

Alltagsbilder: Imagens Da Vida
Miriam Müller und Daniel Seiffert

Peacekeeping-Missionen & Sexarbeit: Ist der Ruf erst ruiniert
Bettina Engels

Übersichtskarte: Prostitution in Europa
Die Redaktion

Medienhype und Kinderprostitution: Was geschah zwischen Dubí und Cheb?
Daniel Schmidt

Repression gegen Prostituierte in Frankfurt/Main: Platzverweis für Tänzerinnen
Juanita Henning / Doña Carmen e.V.

Prostitutionsgesetz: Die Rechte der Prostituierten
Anja Schmidt

Männliche Prostitution: Sie nennen sich Jungs
Christian Schröder

KZ-Bordelle: Vom nackten Menschen
Susanne Beer

 

REZENSIONEN ZUM SCHWERPUNKT

Laura María Agustín:
Sex at the Margins

Emilija Mitrovic (Hg.):
Prostitution und Frauenhandel

Gregor Gall:
Sex Worker Union Organising

Sabine Grenz & Martin Lücke (Hg.):
Verhandlungen im Zwielicht

Ingrid Strobl:
Es macht die Seele kaputt

WEITERE REZENSIONEN

Howard Zinn:
Eine Geschichte des amerikanischen Volkes

Mike Davis:
Planet der Slums

Werner Rammert/Cornelius Schubert (Hg.):
Technografie

Rolf Gössner:
Menschenrechte in Zeiten des Terrors

LITERATUR

Christoph Hein:
Frau Paula Trousseau

Cormac McCarthy:
Die Straße

Literaturportrait: B. Traven. Tote, die noch nicht gestorben sind
Mathias Brandstädter

 

Zuletzt aktualisiert am 28.04.2008 von Christian Schröder
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