sul serio #13 WARE LUST MACHT ARBEIT

Alltägliches Leid

von Christian Schröder

Wie in einem Krimi steht am Anfang ein Mord, wenn auch ein Selbstmord. Die französische Gendarmerie fischt Paula Trousseau aus der Loire. Ihr alter Schulfreund Sebastian Gliese erfährt davon und erhält ihre Lebensaufzeichnungen. Daraus und aus Sebastians Erinnerungen formt sich Paulas Biografie.

Paula wächst in der Nähe von Leipzig auf. Ihr Vater ist Schuldirektor und ein Tyrann. Ihr erster Mann Hans auch. Mit ihm hofft sie dem autoritären Elternhaus zu entfliehen. Gegen alle Widerstände schafft es Paula auf die Kunsthochschule Weißensee in Ost-Berlin, obwohl Hans sie heimlich geschwängert hat, um sie an Haus, Herd und Kind zu binden. Der Preis für ihre Emanzipation ist hoch: Bei der Scheidung muss sie ihr Kind abgeben. Aber das spielt keine große Rolle mehr, sie will malen, sonst nichts.

Paula ist eine attraktive Frau. Die Männer stehen Schlange: Nach dem Archi­tek­ten Hans kommt der Professor Fred, dann der Schauspieler Jan und schließlich der Restaurator Heinrich. Glücklich ist sie mit keinem. Auch nicht in ihren les­bischen Beziehungen zu Kathi und Sibylle. Aber Glück ist auch kein Wort, mit dem sich Paulas Leben beschreiben lässt. Die Malerin hat Talent, aber ihr Stil ist zu abstrakt für die DDR. Sie schlägt sich mit Klein­auf­trä­gen am Rande des Künstler­betriebs der DDR durch – bis zum Mauer­fall. Dabei lässt ihr Kampf um Aner­ken­nung und Selbst­behauptung Paula zu­nehmend gefühlskälter und ego­zen­trischer werden. Nach der Wende brechen ihre alten Kontakte weg, das Kunst­ge­schehen gehorcht anderen Regeln, sie findet keinen An­schluss mehr und bringt sich um.

Der Ton des Autors, der sich selbst als Chronisten bezeichnet, ist wie immer nüchtern und protokollierend. Doch die angenehme Kühle und alltägliche Misere, die Heins Werk durchzieht, wirkt diesmal übertrieben, gar langweilig. Wer will schon über 500 Seiten eine zutiefst deprimierende Leidensgeschichte ohne jeglichen Spannungsbogen lesen?

Man könnte Christoph Hein unterstellen, er habe Schwierigkeiten mit einer weiblichen Hauptfigur. Frauen sind sonst keine zentralen Charaktere in seinem Werk. Paula wirkt eindimensional, zu glatt, entfremdet. Dabei erinnert Paula stark an die ähnlich leidende Frauenfigur aus seinem ersten großen Erfolg Der fremde Freund (1982), der im Westen als Drachenblut (1983) erschien. Damals ist es ihm grandios geglückt, diesmal nicht.

 

Christoph Hein:

Frau Paula Trousseau.

Suhrkamp, 2007.
537 S., 22,80 EUR

Inhaltsverzeichnis

Editorial
Die Redaktion

Sexarbeit und weibliche Migration: Hoffnung auf ein besseres Leben
Susanne Hofmann   

Frauenhandel in Argentinien: Es gibt wieder Verschwundene. Interview mit Sara Torres
Judith Götz

Reportage: In den Spiegel schauen fällt schwer
Miriam Seemann

Feministische Debatte: Prostitution oder Sexarbeit?
Fünf Fragen an Emilija Mitrovic und Ingrid Strobl

Die Macht der Klischees: Fuck Me Like The Whore I Am
Charlotte Wild

Selbstorganisation: Nach der Hurenbewegung
Zwei Mitarbeiterinnen von Hydra e.V. im Gespräch   

Freier-Motive: Sexuelle Freiheit oder Verführung zum Konsum?
Sabine Grenz

Alltagsbilder: Imagens Da Vida
Miriam Müller und Daniel Seiffert

Peacekeeping-Missionen & Sexarbeit: Ist der Ruf erst ruiniert
Bettina Engels

Übersichtskarte: Prostitution in Europa
Die Redaktion

Medienhype und Kinderprostitution: Was geschah zwischen Dubí und Cheb?
Daniel Schmidt

Repression gegen Prostituierte in Frankfurt/Main: Platzverweis für Tänzerinnen
Juanita Henning / Doña Carmen e.V.

Prostitutionsgesetz: Die Rechte der Prostituierten
Anja Schmidt

Männliche Prostitution: Sie nennen sich Jungs
Christian Schröder

KZ-Bordelle: Vom nackten Menschen
Susanne Beer

 

REZENSIONEN ZUM SCHWERPUNKT

Laura María Agustín:
Sex at the Margins

Emilija Mitrovic (Hg.):
Prostitution und Frauenhandel

Gregor Gall:
Sex Worker Union Organising

Sabine Grenz & Martin Lücke (Hg.):
Verhandlungen im Zwielicht

Ingrid Strobl:
Es macht die Seele kaputt

WEITERE REZENSIONEN

Howard Zinn:
Eine Geschichte des amerikanischen Volkes

Mike Davis:
Planet der Slums

Werner Rammert/Cornelius Schubert (Hg.):
Technografie

Rolf Gössner:
Menschenrechte in Zeiten des Terrors

LITERATUR

Christoph Hein:
Frau Paula Trousseau

Cormac McCarthy:
Die Straße

Literaturportrait: B. Traven. Tote, die noch nicht gestorben sind
Mathias Brandstädter

 

Zuletzt aktualisiert am 28.04.2008 von Christian Schröder
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