|
|
|||||||||
|
|
|||||||||
|
sul serio Ausgabe #13 WARE LUST MACHT ARBEITTote, die noch nicht gestorben sindB. Traven – großer Unbekannter, Bestsellerautor und Anarchistvon Mathias Brandstädter
Der bekannteste Unbekannte unter den deutschsprachigen Schriftstellern soll sich dem Ruhm schon entzogen haben, bevor er überhaupt zu schreiben begonnen hatte. Im Ziegelbrenner kündigte er an: „Ich bin nichts als ein Ergebnis der Zeit... namenlos ...Ich will nichts anderes sein als Wort!“ Travens Rezeption leidet jedoch unter der Interpretation seiner Romane als schlichter Abenteuerliteratur mit wohlfeiler Kritik der westlichen Kulturhegemonie und einer farbigen Stilisierung und utopischer Verklärung der Indigenen. Tatsächlich sympathisiert Traven mit der Anschauungswelt der südamerikanischen UreinwohnerInnen, die sich durch ihren urwüchsigen Gemeinschaftssinn auszeichne. Bestünde der literarische Appell allein darin, wäre Travens permanente Missachtung durchaus plausibel. Doch Traven wirft auch einen schonungslosen Blick auf die Lage und Mentalität des mexikanischen ‚Lumpenproletariats’, auf all jene, die für ihre spanischen ‚Herrn’ unbezahlt Fronarbeit leisten müssen. Traven demonstriert das Elend jener WanderarbeiterInnen, die stets auf der Suche nach einer Existenz erhaltenden Beschäftigung sind und aus ihrer Abhängigkeit nie ausscheren können. Wie weit der Grad menschlicher Erniedrigung reichen kann, zeigt eindrucksvoll Das Totenschiff: Ein staatenloser Seemann wird zwischen den Eigeninteressen von Nationalstaaten zerrieben, deren Zöllner ihn bei Anbruch der Dunkelheit immer wieder ins nachbarliche Niemandsland des Grenzbereichs befördern. Er heuert auf einem jämmerlichen Kahn an, dessen einziger profitabler Zweck darin besteht, samt Mannschaft und wertloser Ladung unterzugehen, um dem Eigner eine Versicherungssumme zu stiften. Obwohl geistig wie körperlich rege, sind die Chancen der Protagonisten hier soweit minimiert, dass es sich um Tote handelt, die noch nicht gestorben sind. Die völlige Desillusionierung bringt nach Traven hilfreiche Impulse: Wer nichts mehr zu verlieren hat und sich dies eingesteht, agiert flexibler und ungehemmter gegen Unterdrückung, die mit der Maßlosigkeit ihrer Ausbeutung zugleich die Bedingungen ihrer Beseitigung schafft. Diesen Standpunkt hat Traven in seinem sechsbändigen Caoba-Zyklus über den gewaltsamen Umsturz der mexikanischen Diaz-Diktatur systematisch ausgearbeitet. Niemals ist der Tonfall weinerlich – Traven erzählt kurzweilig und abgeklärt. Die Ferne seiner Schauplätze – die mexikanische Provinz und die Ausläufer der mittelamerikanischen Tropen – tut der Aktualität der Schilderungen keinen Abbruch. Er will Prozesse und Strukturen verdeutlichen, die sich überall auf der Welt bedenklich ähneln. Weniger bekannt ist, dass Traven höchstwahrscheinlich mit dem Aktivisten der Münchner Räterepublik von 1919 Ret Marut identisch ist. Der Weggefährte Gustav Landauers, Eugen Levinés und Ernst Tollers gab ab 1917 die Zeitschrift Der Ziegelbrenner heraus. Diese schrieb so beispiellos enthemmt wie intelligent gegen den wilhelminischen Staatsapparat, den preußischen Militarismus und die bürgerlichen Presse an. Und sie beförderte umgehend die Absender allzu wohlwollender Leserbriefe aus der Bezugskartei – getreu der Maxime „Ich bin unbesiegbar, wenn ich nicht will, was ein anderer will!“ Traven suspendierte später seine persönlichen Hintergründe aus dem literarischen Diskurs. Auf der Flucht aus München gab Marut im Gewahrsam der britischen Polizei gleich sechs falsche Namen, zwei falsche Berufe sowie eine amerikanische Staatsbürgerschaft zu Protokoll. Deutlicher kann eine programmatische Aufgabe des Autorenstatus kaum ausfallen. Das zentrale Thema Travens ist die Anfälligkeit gegenüber Macht in jeglichen Erscheinungsformen; er präsentiert sie anhand der Kollision verschiedener Kulturen. Daher geben auch die UreinwohnerInnen bei Traven häufig eine schlechte Figur ab. Er legt bloß, wie ihre kulturelle Prägung sie in entscheidenden Momenten gegenüber den ‚westlichen’ Repressionsversuchen gnadenlos im Stich lässt. Man mag Travens utopischen Fluchtpunkt einer Immunisierung gegen Herrschafts- und Systemdenken für diskutabel halten, die scharfsinnige literarische Darstellung menschlicher Eigenheiten und ihrer Einlassstellen für unterschiedliche Machtansprüche ist zeitlos aktuell. |
Bildnachweis© Mathias Brandstädter Inhaltsverzeichnis
Editorial Sexarbeit und weibliche Migration: Hoffnung auf ein besseres Leben Frauenhandel in Argentinien: Es gibt wieder Verschwundene. Interview mit Sara Torres Reportage: In den Spiegel schauen fällt schwer Feministische Debatte: Prostitution oder Sexarbeit? Die Macht der Klischees: Fuck Me Like The Whore I Am Selbstorganisation: Nach der Hurenbewegung Freier-Motive: Sexuelle Freiheit oder Verführung zum Konsum? Alltagsbilder: Imagens Da Vida Peacekeeping-Missionen & Sexarbeit: Ist der Ruf erst ruiniert Übersichtskarte: Prostitution in Europa
REZENSIONEN ZUM SCHWERPUNKT Laura María Agustín: Emilija Mitrovic (Hg.): Sabine Grenz & Martin Lücke (Hg.): Ingrid Strobl: WEITERE REZENSIONEN Howard Zinn: Mike Davis: Werner Rammert/Cornelius Schubert (Hg.): Rolf Gössner: LITERATUR Christoph Hein: Cormac McCarthy: Literaturportrait: B. Traven. Tote, die noch nicht gestorben sind
|
||||||||
|
[nach oben] |
|
|||||||||