sul serio Ausgabe #13 WARE LUST MACHT ARBEIT

Tote, die noch nicht gestorben sind

B. Traven – großer Unbekannter, Bestsellerautor und Anarchist

von Mathias Brandstädter

Der bekannteste Unbe­kannte unter den deutschsprachigen Schriftstellern soll sich dem Ruhm schon entzogen haben, bevor er überhaupt zu schreiben begonnen hatte. Im Ziegelbrenner kündigte er an: „Ich bin nichts als ein Ergebnis der Zeit... namenlos ...Ich will nichts anderes sein als Wort!“
Was 1925 mit einer Post­fachadresse in Mexiko und dem Pseudonym ‚B. Traven’ seinen Anfang nahm, entwickelte sich bis zum Tod des Autors 1969 zur publikumsstärksten Offerte einer sozial engagierten, entschieden individualanarchistisch geprägten Literatur, mit weltweit fast 30 Millionen verkauften Buch­exemplaren und zahlreichen Filmfassungen. Auch die legen­däre Verrätselung seiner Herkunft – poetologisches Selbst­verständnis und Mar­ke­ting zugleich – sorgt für Auf­merksamkeit.

Travens Rezeption leidet jedoch unter der Interpretation seiner Romane als schlichter Aben­teuer­literatur mit wohlfeiler Kritik der westlichen Kultur­­he­gemo­nie und einer farbigen Stili­sierung und utopischer Ver­klärung der Indi­genen. Tatsächlich sympa­thisiert Traven mit der  Anschauungs­welt der südamerikanischen UreinwohnerInnen, die sich durch ihren urwüchsigen Ge­mein­schafts­sinn auszeichne. Bestünde der literarische Appell allein darin, wäre Travens permanente Missachtung durchaus plausibel.

Doch Traven wirft auch einen schonungslosen Blick auf die Lage und Mentalität des mexikanischen ‚Lumpenproletariats’, auf all jene, die für ihre spanischen ‚Herrn’ unbezahlt Fron­arbeit leisten müssen. Traven demonstriert das Elend jener Wander­ar­bei­terInnen, die stets auf der Suche nach einer Existenz erhaltenden Beschäftigung sind und aus ihrer Abhängigkeit nie ausscheren können. Wie weit der Grad menschlicher Erniedrigung reichen kann, zeigt eindrucksvoll Das Totenschiff: Ein staaten­loser Seemann wird zwischen den Eigeninteressen von National­staaten zerrieben, deren Zöllner ihn bei Anbruch der Dunkelheit immer wieder ins nachbarliche Niemandsland des Grenzbereichs befördern. Er heuert auf einem jämmerlichen Kahn an, dessen einziger profitabler Zweck darin besteht, samt Mannschaft und wertloser Ladung unterzugehen, um dem Eigner eine Versicherungssumme zu stiften. Obwohl geistig wie körperlich rege, sind die Chancen der Protagonisten hier soweit minimiert, dass es sich um Tote handelt, die noch nicht gestorben sind.

Die völlige Desillusionierung bringt nach Traven hilfreiche Impulse: Wer nichts mehr zu verlieren hat und sich dies eingesteht, agiert flexibler und ungehemmter gegen Unterdrückung, die mit der Maßlosigkeit ihrer Aus­beu­tung zugleich die Be­din­gungen ihrer Beseitigung schafft. Diesen Standpunkt hat Traven in seinem sechsbändigen Caoba-Zyklus über den gewaltsamen Umsturz der mexikanischen Diaz-Diktatur systematisch ausgearbeitet. Niemals ist der Tonfall weinerlich – Traven erzählt kurzweilig und abgeklärt. Die Ferne seiner Schauplätze – die mexikanische Provinz und die Ausläufer der mittelamerikanischen Tropen – tut der Aktualität der Schilderungen keinen Abbruch. Er will Prozesse und Strukturen verdeutlichen, die sich überall auf der Welt bedenklich ähneln.

Weniger bekannt ist, dass Traven höchstwahrscheinlich mit dem Aktivisten der Münch­ner Räterepublik von 1919 Ret Marut identisch ist. Der Weg­gefährte Gustav Landauers, Eugen Levinés und Ernst Tollers gab ab 1917 die Zeitschrift Der Ziegelbrenner heraus. Diese schrieb so beispiellos enthemmt wie intelligent gegen den wil­helmi­nischen Staatsapparat, den preußischen Militarismus und die bürgerlichen Presse an. Und sie beförderte umgehend die Absender allzu wohlwollender Leserbriefe aus der Bezugskartei – getreu der Maxime „Ich bin unbesiegbar, wenn ich nicht will, was ein anderer will!“

Traven suspendierte später seine persönlichen Hintergründe aus dem literarischen Diskurs. Auf der Flucht aus München gab Marut im Gewahrsam der bri­ti­schen Polizei gleich sechs falsche Namen, zwei falsche Berufe sowie eine amerikanische Staatsbürgerschaft zu Pro­tokoll. Deutlicher kann eine pro­gra­mmatische Aufgabe des Autoren­status kaum ausfallen.

Das zentrale Thema Travens ist die Anfälligkeit gegenüber Macht in jeglichen Erscheinungs­formen; er präsentiert sie anhand der Kollision verschiedener Kulturen. Daher geben auch die UreinwohnerInnen bei Traven häufig eine schlechte Figur ab. Er legt bloß, wie ihre kulturelle Prägung sie in entscheidenden Momenten gegenüber den ‚westlichen’ Repressionsversuchen gnadenlos im Stich lässt.

Man mag Travens utopischen Fluchtpunkt einer Immuni­sierung gegen Herrschafts- und Systemdenken für diskutabel halten, die scharfsinnige literarische Darstellung menschlicher Eigenheiten und ihrer Einlassstellen für unterschiedliche Machtansprüche ist zeitlos aktuell.

Mathias Brandstädter ist Philologe und Publizist. Im Herbst 2008 erscheint von ihm und Jan-Frederik Bandel ein Sammelband über B. Traven im Karin Kramer-Verlag.

Bildnachweis

© Mathias Brandstädter

Inhaltsverzeichnis

Editorial
Die Redaktion

Sexarbeit und weibliche Migration: Hoffnung auf ein besseres Leben
Susanne Hofmann   

Frauenhandel in Argentinien: Es gibt wieder Verschwundene. Interview mit Sara Torres
Judith Götz

Reportage: In den Spiegel schauen fällt schwer
Miriam Seemann

Feministische Debatte: Prostitution oder Sexarbeit?
Fünf Fragen an Emilija Mitrovic und Ingrid Strobl

Die Macht der Klischees: Fuck Me Like The Whore I Am
Charlotte Wild

Selbstorganisation: Nach der Hurenbewegung
Zwei Mitarbeiterinnen von Hydra e.V. im Gespräch   

Freier-Motive: Sexuelle Freiheit oder Verführung zum Konsum?
Sabine Grenz

Alltagsbilder: Imagens Da Vida
Miriam Müller und Daniel Seiffert

Peacekeeping-Missionen & Sexarbeit: Ist der Ruf erst ruiniert
Bettina Engels

Übersichtskarte: Prostitution in Europa
Die Redaktion

Medienhype und Kinderprostitution: Was geschah zwischen Dubí und Cheb?
Daniel Schmidt

Repression gegen Prostituierte in Frankfurt/Main: Platzverweis für Tänzerinnen
Juanita Henning / Doña Carmen e.V.

Prostitutionsgesetz: Die Rechte der Prostituierten
Anja Schmidt

Männliche Prostitution: Sie nennen sich Jungs
Christian Schröder

KZ-Bordelle: Vom nackten Menschen
Susanne Beer

 

REZENSIONEN ZUM SCHWERPUNKT

Laura María Agustín:
Sex at the Margins

Emilija Mitrovic (Hg.):
Prostitution und Frauenhandel

Gregor Gall:
Sex Worker Union Organising

Sabine Grenz & Martin Lücke (Hg.):
Verhandlungen im Zwielicht

Ingrid Strobl:
Es macht die Seele kaputt

WEITERE REZENSIONEN

Howard Zinn:
Eine Geschichte des amerikanischen Volkes

Mike Davis:
Planet der Slums

Werner Rammert/Cornelius Schubert (Hg.):
Technografie

Rolf Gössner:
Menschenrechte in Zeiten des Terrors

LITERATUR

Christoph Hein:
Frau Paula Trousseau

Cormac McCarthy:
Die Straße

Literaturportrait: B. Traven. Tote, die noch nicht gestorben sind
Mathias Brandstädter

 

Zuletzt aktualisiert am 28.04.2008 von Christian Schröder
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