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sul serio Ausgabe #13 WARE LUST MACHT ARBEITNach der HurenbewegungSozialarbeit für Prostituierte zwischen Aktivismus und ProfessionalisierungKatharina Cetin und Joanna Lesniak von der Berliner Beratungsstelle HYDRA über Sozialarbeit für Prostituierte – zwischen Aktivismus und Professionalisierung.
sul serio: Welche Frauen kommen zu Hydra? Katharina: Frauen mit sehr unterschiedlichen Anliegen: Es kommen Frauen, die ihr Gewerbe professionalisieren wollen. Das sind Frauen, die selbstbestimmt und sehr klar sind in dem, was sie möchten. Ich biete ihnen Beratung zum Thema, wie mache ich mich selbständig. Da habe ich das Gefühl, die kommen gut zu Recht mit der Tätigkeit. Dann gibt es Frauen, die grenzüberschreitende Erfahrungen gemacht haben, eventuell auch Gewalterfahrungen. Es gibt auch viele Frauen, die durch die Tätigkeit einen psychischen Schaden davongetragen haben. Oder sie sind aufgrund ihrer psychischen Verfassung in die Prostitution gegangen. Es gibt wirklich viele Facetten. Es gibt mehrere Einrichtungen in der Stadt für Prostituierte. Subway bietet Hilfe für männliche Stricher, das Café Olga ist ein Treffpunkt für Frauen, die in der Beschaffungsprostitution arbeiten. Wodurch unterscheidet ihr euch eigentlich von der Beratungsstelle Ban Ying? Katharina: Ban Ying beschäftigt sich mit Frauen aus Südostasien, vor allem mit Menschenhandelsopfern. Dabei geht es nicht nur um sexuelle Ausbeutung, sondern auch um Ausbeutung der Arbeitskraft oder ‚Katalog-Ehen’. Was ist euer Ansatz? Welche Politik verfolgt ihr? Katharina: Wir sagen: Prostitution ist ein Vertrag zwischen zwei erwachsenen Menschen, die einvernehmlich etwas entscheiden – freiwillig. Das, worauf sich Ban Ying konzentriert, ist Gewalt gegen Frauen, Nötigung etc., aber es ist keine Prostitution. Es gibt auch keine Zwangsküchenmädchen. Deswegen finde ich es relativ schwierig, den Begriff Zwangsprostitution zu benutzen, weil er aufgrund des zweiten Wortes immer mit dem in Verbindung gebracht wird, was wir mit Prostitution bezeichnen. Neben dem Artemis in Charlottenburg soll ein zweites Großbordell in Berlin entstehen. Der Bundesverband Sexuelle Dienstleistungen mobilisiert dagegen. Wie ist Eure Position? Katharina: Wir finden es immer sinnvoll, wenn Frauen selbständig arbeiten können. Das können sie besser in einer Wohnung, die sie selbst angemietet haben und wo sie sich die Frauen aussuchen, mit denen sie zusammen arbeiten. Ich hab mir das Artemis angeschaut: Nach außen hin ist es ein sehr ‚schön‘ wirkender Arbeitsplatz. Es gibt gute hygienische Verhältnisse etc. Auf der anderen Seite gibt es diverse Anzeichen, bei denen ich sagen würde: auf gar keinen Fall dort arbeiten! Offiziell arbeiten dort alle selbständig. Trotzdem gibt es Arbeitsanweisungen, es ist also eigentlich eine Scheinselbständigkeit. So müssen die Frauen ohne Kondom anblasen und die Männer schon im Bar-Bereich scharf machen. Das bedeutet: Arbeiten ohne Geld. Ich wollte das nicht. Eigentlich sind das sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze. Dagegen wehren sich aber die Betreiber, weil sie sich dumm und dusselig zahlen müssten, wenn sie 100 Frauen anstellen würden. Du sagst, das sind eigentlich sozialversicherungspflichtige Verhältnisse. Heißt das, sie haben einen Arbeitgeber und feste Arbeitszeiten, aber nicht die entsprechenden Rechte? Katharina: Das Artemis ist so strukturiert: Frauen und Männer zahlen Eintritt, wobei Frauen gewisse Vergünstigungen haben. Aber ihr Verdienst wird erst hinterher gezahlt. Ich als Prostituierte würde das Geld immer vorher kassieren. Das heißt, es wird ein Preis ausgemacht, der wird gezahlt und dann geschieht die Dienstleistung – und zwar zum Schutz der Frau. Wenn im Artemis ein Gast sagt, ich war nicht zufrieden, ich bin nicht gekommen oder sonst was, dann hat die Frau Pech gehabt. Für mich ist Selbständigkeit: Ich kann bestimmen, wie ich meine Arbeit regele. Diese Möglichkeit haben die Frauen dort nicht. Meiner Ansicht sollten sie einen Arbeitsvertrag kriegen, in dem nur zweierlei bestimmt wird und zwar Ort und Zeit. Katharina: Die Verdienstmöglichkeiten sind geschrumpft. Aber das ist auch in anderen Städten so. Frauen erzählen, dass man in den 1980er Jahren wirklich gutes Geld verdienen konnte. Nach der Umstellung auf den Euro haben sich zwar die Lebenshaltungskosten angeglichen, nicht aber die Bezahlung für Prostituierte. Die ist immer noch auf DM-Stand. Das Preisniveau sinkt. Was passiert auf der Oranienburger Straße? Die hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Dort ist es sehr chic geworden und es scheint, als hätte sich der Straßenstrich immer weiter ausgedehnt. Katharina: In der Ecke gibt es ein großes Touristenaufkommen und die Reisebusse fahren inzwischen extra wegen des Straßenstrichs da entlang. Wir nennen ihn den ‚Barbiestrich‘, weil die alle gleich aussehen: Lange Haare, ganz eng geschnürte Taille und hohe Stiefel. Ich dachte immer, dass Frauen sehr ungern auf der Straße arbeiten, habe dann aber von einigen gehört, dass sie im Gegenteil gern auf der Straße arbeiten. Wir haben sehr wenig Kontakt zum Straßenstrich, weil die Frauen keine Schwierigkeiten mit dem Baurecht oder Sonstigem haben. Der “Barbiestrich” ist auch sehr organisiert. Einmal im Jahr laufen wir da entlang. Das ist am 2. Juni, dem internationalen Hurentag. Dann verteilen wir Lilien, das florale Symbol für Prostitution. Aber es ist schwierig, weil es da Männer gibt, die auf einen zukommen und sagen: Hier wird nicht gequatscht. Die Frau muss arbeiten. Ist die Hurenbewegung in letzter Zeit stärker geworden? Katharina: Sie ist geschrumpft. Die Frauen sind ausgebrannt und haben es aufgrund der schlechten Arbeitsmarktsituation schwer, den Alltag zu bewältigen. Da fehlt aufgrund der Lebenssituation die Energie, sich politisch zu engagieren. Es gibt natürlich Ausnahmesituationen: etwa als die Finanzbehörden in Berlin versuchten, eine Pauschalbesteuerung für Sexarbeiterinnen einzuführen. Der Protest dagegen war so ein Aufflackern, aber letztendlich ist es sehr schwierig Mitstreiterinnen zu finden. In den letzten Jahres haben sich zunehmend Ausstellungen und Filme mit Sexarbeit beschäftigt. Wie ist eure Einschätzung dazu? Katharina: Kommt darauf an. Auf einem privaten Fernsehsender sah ich neulich, wie eine Frau begleitet wird, die in das Gewerbe einsteigen will, ein relativ junges Mädchen. Sie wurde komplett dabei beobachtet, wie sie es macht und was sie für einen Ekel hat. Es ist eine heikle Entwicklung, diesen Voyeurismus zu bedienen. Ausstellungen wie letztes Jahr in Hamburg mit dem Titel Sexarbeit:Prostitution - Lebenswelten und Mythen finde ich sehr gut: Da ging es wirklich darum, was für unterschiedliche Arbeitsplätze es gibt und um die Entwicklung der Hurenbewegung.
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BildnachweisHydra-Aktion am 2. Juni, dem internationalen Hurentag © Hydra Inhaltsverzeichnis
Editorial Sexarbeit und weibliche Migration: Hoffnung auf ein besseres Leben Frauenhandel in Argentinien: Es gibt wieder Verschwundene. Interview mit Sara Torres Reportage: In den Spiegel schauen fällt schwer Feministische Debatte: Prostitution oder Sexarbeit? Die Macht der Klischees: Fuck Me Like The Whore I Am Selbstorganisation: Nach der Hurenbewegung Freier-Motive: Sexuelle Freiheit oder Verführung zum Konsum? Alltagsbilder: Imagens Da Vida Peacekeeping-Missionen & Sexarbeit: Ist der Ruf erst ruiniert Übersichtskarte: Prostitution in Europa
REZENSIONEN ZUM SCHWERPUNKT Laura María Agustín: Emilija Mitrovic (Hg.): Sabine Grenz & Martin Lücke (Hg.): Ingrid Strobl: WEITERE REZENSIONEN Howard Zinn: Mike Davis: Werner Rammert/Cornelius Schubert (Hg.): Rolf Gössner: LITERATUR Christoph Hein: Cormac McCarthy: Literaturportrait: B. Traven. Tote, die noch nicht gestorben sind
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