sul serio Ausgabe #13 WARE LUST MACHT ARBEIT

Imagens da Vida

Der alltägliche Spagat zwischen Kindern, Kirche und Kondom

von Miriam Müller und Daniel Seiffert

„Ihr könnt Fotos machen, wovon Ihr wollt!” So begann ein Projekt mit zehn brasilianischen Frauen, das Miriam Müller und Daniel Seiffert im Rahmen des ASA-Programms für Entwicklungszusammenarbeit von Oktober bis Dezember 2006 in Rio de Janeiro durchführten. Alle Frauen arbeiten als Prostituierte in den Gassen und Stundenhotels im Zentrum und am Rande Rios, weitab vom glitzernden Schein der Copacabana. Sie engagieren sich in der 1992 gegründeten Nichtregierungsorganisation DAVIDA (www.davida.com.br) um die Rechte von Prostituierten zu stärken. Eine Aktionen der NGO ist die Gründung des Modelabels DASPU (www.daspu.org.br).

Idee des Projektes war, mit Hilfe der Fotografie den Alltag der Prostituierten auch jenseits ihres ‚Milieus‘ sichtbar zu machen. In der brasilianischen Gesellschaft ist zwar Sexualität auch außerhalb der Privatsphäre allgegenwärtig, Prostitution hingegen moralisch diskreditiert - deren Umstände werden kaum hinterfragt. Mit den Konsequenzen dieser weit verbreiteten Doppelmoral sind die Frauen täglich konfrontiert.

Die teilnehmenden Frauen erhielten einfach zu bedienende Kameras, um damit ihren Alltag in Rio de Janeiro abzubilden. Die anschließenden Interviews beschäftigten sich mit diesen persönlichen Fotos und erreichten so eine besondere Intimität. Eine Ausstellung zum Schluss trug dazu bei, die allgegenwärtigen Formen von Stigmatisierung und Diskriminierung öffentlich zu hinterfragen.

In kurzer Zeit entstand ein buntes Mosaik aus dem Leben der Mulheres da Vida (Frauen des Lebens), wie sie in Brasilien genannt werden. Die folgenden Porträts erzählen von fünf Frauen, die in einem ganz speziellen Spagat zwischen Familie, Job(s) und Freizeit ihren Alltag in der brasilianischen Metropole auf bewundernswerte Art und Weise meistern.

Maria

Ich bin in einer Stadt namens Uba geboren, in Minas Gerais. Mein Partner ist mit meinem Beruf einverstanden. Als ich ihn kennen lernte, war er mein Kunde. Er wurde mein Geliebter und wir sind zusammengezogen. Ich bin von meiner Familie weggegangen und frequentierte die Nachtclubs. Ich wurde Ballerina eines Nachtclubs. So habe ich angefangen, mit den Kunden des Nachtclubs ‚Programme’ zu machen. Seit 30 Jahren arbeite ich in der Prostitution. Als ich jünger war, gab es Tage, an denen ich 20 bis 30 ‚Programme’ gemacht habe. Ich wollte nur Geld verdienen, um mich zu kleiden. Ich hatte viele Perücken – nur aus echtem Haar und vorzugsweise mit langem Haar. Ich war gut gebaut und hatte einen schönen, großen Hintern. Aber mit dem Alter verändert sich das Aussehen. Ich bin Mutter von vier Söhnen. Zwei davon habe ich verloren. Jetzt bin ich 60 Jahre alt und Mannequin für DASPU. Wenn ich nicht arbeite, mag ich es, zu Hause zu sein.

Doroth

Ich komme aus Minas Gerais. Ich bin vor 33 Jahren vom Land nach Rio gekommen, als ich mit meiner ältesten Tochter schwanger war. Ich habe im Supermarkt gearbeitet, im Haus einer Familie und als Verkäuferin. Ich habe alles ausprobiert, nichts hat mir gefallen. Ich hasse Chefs. Mit 22 habe ich mit der Prostitution angefangen. Der Vater von Junior hat mich in die Cidade de Deus mitgenommen. Er hatte eine Show-Gruppe. Ich fing dort an, weil ich singe und tanze. Wir sind viel gereist. 1986 bin ich nach Brasilien zurück. DASPU war sehr gut für uns, weil es uns Sichtbarkeit gegeben hat. Die Gesellschaft ist jetzt eher auf unserer Seite, was ein großer Gewinn in unserem Kampf für eine Entkriminalisierung des Berufes ist. Die Leute erkennen uns als Arbeiterinnen an. Ich bin sehr selbstbewusst. Die Prostitution ist für mich ein Beruf, der mir gefällt. Ich würde ihn nicht wechseln.

Jane

Ich bin 32 Jahre alt und wohne in Campo Grande. 1997 ist der Vater meines Sohnes an AIDS gestorben. So habe ich festgestellt, dass ich auch infiziert bin. Ich bin in eine Depression gefallen. Aber dann habe ich jemanden kennen gelernt, der mich so akzeptiert hat, wie ich bin. Ich habe beschlossen, noch einmal Kinder zu bekommen. Meine Kinder sind nicht HIV-positiv. Ich lebe seit mehr als zehn Jahren damit. Ich bin eine glückliche und fröhliche Frau. Die ‚Programme’ an der Copacabana waren total anders. Dort bin ich eine Woche bei einem Kunden im Hotel Meridian geblieben. So war ich für ihn Touristenführerin, Ehefrau, Freundin und Geliebte. Ich habe mich geliebt und respektiert gefühlt. Ich liebe es, Prostituierte zu sein. Ich liebe Sex. Ich habe mich nie geschämt, das irgendwem zu sagen. Wenn ich irgendwo meinen Beruf eintragen muss, schreibe ich: Prostituierte. Dann erschrecken sich die Leute: „Wie? Aber du hast gar nicht das Gesicht einer Prostituierten.“ Darauf antworte ich: „Es gibt nicht Das Prostituiertengesicht!“

Lena

Ich bin hier in Rio geboren. Meine Eltern sind Bahianos. Ich bin Carioca. Ich habe mir mein Leben mit der Prostitution aufgebaut: mein Haus geschaffen, meine zwei Kinder großgezogen und ihnen Bildung ermöglicht. Meine Freunde und Nachbarn haben mich auf der Straße gesehen – dort, wo es Prostitution gibt. So hat es sich herumgesprochen. Die Leute verstehen das nicht. Sie haben angefangen, mich schlecht zu behandeln. „Ah, das ist das Haus der Prostituierten Lena.“ Ich habe 22 Jahre lang darunter gelitten. Jetzt bin ich weggezogen. Auch meine sechs Schwestern diskriminieren mich ein bisschen. Sie haben Angst, dass ich mir ihre Männer schnappe. Sie denken, Prostitution heißt, die ganze Welt anzugrabschen. Ich habe mich schon mehrfach in Kunden verliebt. Ich war mit einem Dänen verlobt. Er ist in den Falkland-Krieg gegangen und verschwunden – ohne dass ich jemals Nachricht bekam. An dieser Mole habe ich viel geweint. Er ist bestimmt gestorben.

Rita

Ich wohne ganz oben auf dem Hügel. Von dort aus kann man das Meer und die Brücke von Niteroi sehen. Das Viertel ist vom Meer umgeben. Ich habe zwei Töchter: Diana und Melissa. Ich bin Witwe. Ihr Vater ist vor fünf Jahren gestorben. Ich hatte ihm gesagt, dass ich als Reinigungskraft in einem Hotel arbeite. Wenn er gewusst hätte, was ich wirklich mache, wäre er durchgedreht. Wegen seines Temperaments und seiner Erziehung. Er dachte, dass es etwas Schlechtes sei, Prostituierte zu sein – so eine Machoeinstellung. Einige Männer gehen auch nicht mit dir, wenn du ein Kondom benutzen willst. Manche Frauen lassen sich darauf ein, um das ‚Programm’ nicht zu verlieren. Ich höre jetzt auf. Ich habe jetzt einen Kurs als Hotelangestellte gemacht. Ich bin nicht geboren, um Prostituierte zu sein. Am Anfang ist alles blumig, alles neu. Ich kann mich nicht beschweren, ich hatte nie Probleme wie zum Beispiel aggressive Kunden. Aber jetzt ist die Zeit gekommen. Ich werde schon 40.

 

Bildnachweis

© Daniel Seiffert

Inhaltsverzeichnis

Editorial
Die Redaktion

Sexarbeit und weibliche Migration: Hoffnung auf ein besseres Leben
Susanne Hofmann   

Frauenhandel in Argentinien: Es gibt wieder Verschwundene. Interview mit Sara Torres
Judith Götz

Reportage: In den Spiegel schauen fällt schwer
Miriam Seemann

Feministische Debatte: Prostitution oder Sexarbeit?
Fünf Fragen an Emilija Mitrovic und Ingrid Strobl

Die Macht der Klischees: Fuck Me Like The Whore I Am
Charlotte Wild

Selbstorganisation: Nach der Hurenbewegung
Zwei Mitarbeiterinnen von Hydra e.V. im Gespräch   

Freier-Motive: Sexuelle Freiheit oder Verführung zum Konsum?
Sabine Grenz

Alltagsbilder: Imagens Da Vida
Miriam Müller und Daniel Seiffert

Peacekeeping-Missionen & Sexarbeit: Ist der Ruf erst ruiniert
Bettina Engels

Übersichtskarte: Prostitution in Europa
Die Redaktion

Medienhype und Kinderprostitution: Was geschah zwischen Dubí und Cheb?
Daniel Schmidt

Repression gegen Prostituierte in Frankfurt/Main: Platzverweis für Tänzerinnen
Juanita Henning / Doña Carmen e.V.

Prostitutionsgesetz: Die Rechte der Prostituierten
Anja Schmidt

Männliche Prostitution: Sie nennen sich Jungs
Christian Schröder

KZ-Bordelle: Vom nackten Menschen
Susanne Beer

 

REZENSIONEN ZUM SCHWERPUNKT

Laura María Agustín:
Sex at the Margins

Emilija Mitrovic (Hg.):
Prostitution und Frauenhandel

Gregor Gall:
Sex Worker Union Organising

Sabine Grenz & Martin Lücke (Hg.):
Verhandlungen im Zwielicht

Ingrid Strobl:
Es macht die Seele kaputt

WEITERE REZENSIONEN

Howard Zinn:
Eine Geschichte des amerikanischen Volkes

Mike Davis:
Planet der Slums

Werner Rammert/Cornelius Schubert (Hg.):
Technografie

Rolf Gössner:
Menschenrechte in Zeiten des Terrors

LITERATUR

Christoph Hein:
Frau Paula Trousseau

Cormac McCarthy:
Die Straße

Literaturportrait: B. Traven. Tote, die noch nicht gestorben sind
Mathias Brandstädter

 

Zuletzt aktualisiert am 28.04.2008 von Christian Schröder
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