sul serio #12 NETZWELTEN

Ein Netz aus Drangsal

von Steffen Vogel

Geschichte schreiben nicht bloß die gekrönten Häupter, Berufspolitiker und dekorierten Generale. Die so genannten einfachen Leute prägen die Historie – oder erleiden sie. „Gone to soldiers“ von Marge Piercy ist mit diesem Blick geschrieben: Geschichte als Summe von Geschichten. Beginnend mit dem japanischen Überfall auf Pearl Habour begleitet die Schriftstellerin zehn Menschen aus allen Gesellschaftsschichten durch den Zweiten Weltkrieg, die meisten von ihnen sind weiblich, jung und jüdisch. Für sie bedeutet Krieg nicht das gleiche: Die behütete Bürgertochter Jacqueline verschlägt es aus Paris in den Maquis, zum Widerstand, während die Verkäuferin Ruthie zu den ersten amerikanischen Frauen gehört, die am Fließband arbeiten dürfen. Die europäischen EmigrantInnen Louise und Oscar verlassen New York, um als Reporterin und Geheimdienstler diejenigen zu bekämpfen, die ihre Freunde und Verwandte in Vernichtungslager pferchen. Der Student Daniel schließlich findet seine Berufung im Dechiffrieren japanischen Funkverkehrs. Politik, die so genannte große Politik zumal, steht bei Piercy nie im Vordergrund, sie bleibt eng bei ihren Charakteren, bei ihren Ängsten, Nöten und Hoffnungen und zeigt sie in ihrem durch den Krieg geprägten Alltagsleben und in ihrem Tod. Sensibel und nuancenreich beschreibt sie die Entwicklung ihrer ProtagonistInnen – sie reifen im Krieg und nutzen den gesellschaftlichen Ausnahmezustand für ein wenig persönliche Emanzipation, doch nach der großen Schlächterei überwiegen Leid und Zerstörung. „Das Ende von einem Netz aus Drangsal ist nur der Anfang eines anderen“, schließt Piercy.

Marge Piercy, die den Krieg selbst nicht erleben musste, hat elf Jahre für ihren Roman recherchiert und über 8.000 Seiten Material zusammengetragen. So gelingt es ihr, auch Nachgeborenen ein lebendiges und ergreifendes Bild jener Zeit zu zeichnen, mit mal sympathischen, immer eigenwilligen aber nie eindimensionalen Hauptfiguren. Trotz des ungeheuren Umfangs garantiert „Gone to soldiers“ atemberaubende, spannende Lektüre. Nun liegt der 1987 im englischen Original veröffentlichte Roman in einer ansprechend gestalteten Neuauflage vor.

          

Marge Piercy

Gone to soldiers. Menschen im Krieg

Deutsch von Heidi Zerning
3. überarbeitete Auflage,
Ariadne-Verlag, Hamburg 2006
987 Seiten, Hardcover, 19,90 EUR  

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Inhaltsverzeichnis

Editorische Notiz
Die Redaktion

Interview: Kriege und Täuschungsmanöver
mit Howard Zinn

N E T Z W E L T E N

Netzwelten: Einleitung
Die Redaktion

Die Materialität des Cyberspace
Sarah Bohrmann

Indiens Call-Center
Steffen Vogel

Online-Dating: Virtuelles Turteln
Christian Schröder

Copyright: „Raubkopierer sind Verbrecher“?
Lars Bretthauer

Rechtsextreme Ideologie im Web: Das Störtebeker-Netz
Ricarda Fröhlich 

Manual: Was tun gegen Datenkraken?
Wolfram D. Wirth

Wikipedia: Wissen, Wahrheit und Wikiality
Neelke Wagner

OpenSource & Geschlecht: Reclaim Linux!
Silke Meyer

R U B R I K E N

Know Your Enemy: Google
Neelke Wagner

In Bewegung: Luftschlösser mit Bodenhaftung
Steffen Vogel

Abseits: Fußball ohne Rassismus?
Lars Bretthauer

R E Z E N S I O N E N

Roman:

Nanni Balestrini:
Sandokan

Marge Piercy:
Gone to Soldiers

Musik: 

Herr Stenzels Musikrubrik

Sachbuch:

David Harvey:
A Brief History of Neoliberalism

Rotaprint:
agit 883

Mirjam Bolle:
"Ich weiß, dieser Brief wird Dich nie erreichen..."

Barbara Ehrenreich:
Qualifiziert & arbeitslos

Zuletzt aktualisiert am 21.06.2007 von Christian Schröder
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