von Christian Schröder
Zurzeit erleben wir die ‚urbane Wende’ der Menschheit. Zum ersten Mal leben weltweit mehr Menschen in Städten als auf dem Land. Doch leben sie vor allem in den städtischen Elendsvierteln der Dritten Welt. Schon jetzt zählt die globale Slumbevölkerung eine Milliarde Menschen.
Dies ist der Ausgangspunkt von Planet der Slums des US-amerikanischen Soziologen Mike Davis. In rasantem Tempo liefert er Zahlen und Daten zur globalen Slumentwicklung und nimmt seine LeserInnen mit auf eine Reise rund um den Globus zu den gigantischen Elendsvierteln in Afrika, Südamerika und Asien. Empirische Grundlage seiner Ausführungen ist der UN-Habitat-Bericht The Challenge of Slums von 2003, die „erste wirklich globale Bestandsaufnahme urbaner Armut”, in der erstmals auch China und die Länder der Ex-Sowjetunion mit einbezogen werden.
Mega-Slums mit bis zu vier Millionen EinwohnerInnen wie in Mexiko-Stadt sind relativ jung. Nach der Entkolonialisierung in den 1960er Jahren entwickelten sich die Slums in den Metropolen des Südens rasant. Doch die Expansion der Städte geht ohne Industrialisierung und aufnahmefähige Arbeitsmärkte einher. Zugleich haben die Vorgaben des IWF dessen Schuldnerländern große Umstrukturierungen zu Lasten der Armen abgefordert.
Die urbane Segregation ist für Davis deshalb ein „endloser sozialer Krieg, in dem der Staat regelmäßig im Namen von ‚Fortschritt’, ‚Stadtverschönerung’ und sogar ‚sozialer Gerechtigkeit für die Armen’ eingreift, um die räumlichen Grenzen zugunsten von Grundeigentümern, ausländischen Investoren und Mittelklassen neu zu ziehen.”
Scharf kritisiert Davis die Weltbank, die seit Ende der 1980er Jahre das Kleinstunternehmertum als Lösung städtischer Armut propagiert. Diese informelle Arbeit sei keine Wachstumsperspektive, sondern „ein lebendes Museum der menschlichen Ausbeutung” in einem unerbittlichen Konkurrenzkampf. So kann die rasant wachsende „informelle globale Arbeiterklasse” keine kollektive Handlungsfähigkeit erlangen.
Planet der Slums ist eine apokalyptische Warnung vor den Folgen neoliberaler Globalisierung und der Katastrophe städtischer Armut. Die BewohnerInnen der informellen Siedlungen selbst kommen in dem Buch allerdings nicht zu Wort. Davis hat ihre Barackensiedlungen nicht einmal betreten. Ein weiteres Buch will Vielschreiber Mike Davis bald dem Widerstand der SlumbewohnerInnen widmen.

Assoziation A, 2007.
248 S., 20 EUR